Lindenblüte und Gänseblümchen

Seit ich in die Welt meiner Klaviermusik, die aus den Mandalas von Pater Johannes Pausch entstanden ist, gekommen bin, mich dort einwohnte und einfühlte, höre ich fast nur noch diese Musik. Sie bildet mein Tönen und mein klangliches Sein.

Es ist wie ein eigener Kosmos, von dem ich lebe, in dem ich lebe, in dem ich denke, in dem ich bin.

Lindenblüte

Jedes der Heilkräuter bahnt sich seinen eigenen Weg durch mich in dieses klangliche Dasein:

Der gelbe Alant, der sich in die Weite und Tiefe des Sonnengeflechts hineinspielt.

Der Augentrost, der wie ein Sysiphos über dem Passacagliabass seine zunächst reibende Harmonik ausbreitet und immer wieder mit seiner Auflösung liebäugelt, die er am Ende dann auch erreicht.

Das ätherische Atemelixier, das zwischen sieben Minuten und drei bis fünf Tagen dauert.

Der Baldrian, der sich in seinem Kreisen täglich verändert, bis er schließlich seine Mitte findet.

Lindenblüte

Das Gänseblümchen war in den Fingern meiner Hände an einem Vormittag im April, an welchem endlich die Sonne wieder auf die Tasten schien.

Zwei Mal vier Takte mit den drei wichtigen Dur-Drei-Klängen der Tonart G-Dur: Der Tonika G, der Subdominanten C und der Dominanten D.

Jener Tonart, die C.F.D. Schubart im 18. Jahrhundert folgendermaßen charakterisierte:

„Mit einem Wort: Jede sanfte und ruhige Bewegung des Herzens lässt sich trefflich in diesem Tone ausdrücken.”

Lindenblüte

Das Vorspiel legte den Teppich. Das Spiel war vorbereitet, als nach 8 Takten die rechte Hand dazukam.

Eine leichte Melodie, aus der rhythmischen Wiederholung der Quinte entstehend, breitete sich aus. Der 6/8 Takt tanzte, nicht schnell, sondern zunächst Andante. Und irgendwie saß plötzlich Wolfgang Amadeus Mozart erst hinter und dann neben mir.

Er spielte vierhändig in diesem Reigen der Tonleitern mit, der Arpeggien, der Leichtigkeiten, der mollschen Traurigkeit. Er tobte mit mir in allen Rhythmen, mit allen Läufen, allen Repetitionen, allen Variationen.

Es war ein Fest der so sensiblen, empfindsamen Zwei-Stimmigkeit und der ausufernden Emotionen.

Und es sollte niemals enden, dieses Fest. So wie der Strauß der Blätter dieses Mandalas, die sich unablässig drehen, wenn ich sie ansehe.

Lindenblüte

Ich widmete dieses Stück sofort meinem Enkel Lias, der genau an dem Tag geboren wurde, als ich das Stück schrieb. Es möge ihn und sehr viele Menschen in diesem Leben begleiten.

Lindenblüte

Als ich die Lindenblüte zum ersten Mal sah, war es für mich, wie wenn sich alle möglichen wohl geordneten, verwandten Planeten als Klangtafeln um ein Zentrum herum versammelt hätten. Links, rechts und oben unten.

Eine perfekte Anordnung in Terzen, dem Symbol der Drei, der Trias Harmonica.

So begann ich mit dem kleinen a, das ich aus dem Nichts heraus in einem mittleren Tempo repetierte. Ich fügte die Terz, das cis und schließlich die Quinte hinzu, so dass alles gut stand in der A- Dur Bewegung.

Die Mitte war nach und nach stabil, das Pedal öffnete die Obertöne und aus diesen heraus hörte ich ein rhythmisches Motiv entstehen, welches sich zunächst immer nur um einen der Harmonietöne des Dreiklangs drehte.

Es war die wellenförmige Bewegung, die im Mandala die Kreise miteinander verband.

Lindenblüte

Und so begann sich die Blüte zu öffnen.

Sie drehte sich, dehnte sich aus, sie blieb bei sich und ordnete ihr Eigenleben ausschließlich mit diesem Motiv, welches die Tonleitern hinaufkletterte, die Lage veränderte, immer in einem ersten Schritte nur um das A-Dur herum. Und immer repetierte ich A-Dur dazu, die Basis, die Grundlage, den Rhythmus, den Kreis.

Nach und nach kamen zur Mitte, zu A-Dur, die anderen Akkorde hinzu, welche die Farben veränderten, nach unten fis-Moll, nach oben cis-Moll, dann noch weiter D-Dur und schließlich E-Dur. Manchmal geschah dies nur durch die Veränderung eines Tons, dann wieder durch die Veränderung der Klanglage.

Lindenblüte

Auch die Melodie veränderte sich, sie ging die Oktaven nach oben und dieselben wieder nach unten. Ging in den Bass, dem der Tenor antwortete, manchmal auch der Alt und hin und wieder auch der Sopran.

Was sich nie veränderte, war die Länge der Melodie und der Rhythmus derselben.

Und so war ich wieder in der kreisenden Unendlichkeit angekommen. Es war wieder eine Musik entstanden, die nicht aufhören wollte und dies auch nicht konnte. Auch wenn die Stimmen sich bis zu einer Stimme reduzierten, dann wieder auf zwei, dann auf drei anwuchsen.

Alles entstand, so wie die Lindenblüte entsteht, wie sie sich öffnet und den eigenen Weg geht ins Leben und aus diesem wieder heraus.

So wie dies Rainer Maria Rilke in Worte fasste:

Oh du der Gefühle Wandlung, in was
In hörbare Landschaft.
Du Freude, Musik
der uns entwachsene Herzraum, innigstes Unser, das uns übersteigt hinausdrängt,
……

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