Freiheit

Liberté, Égalité, Fraternité – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit

Liebe Leser, liebe Inskribienten, liebe Musiker, liebe Künstler, liebe Welt !

La Liberté – die Freiheit, Égalité – die Gleichheit, La Fraternité die Brüderlichkeit – das, liebe Freunde war die Forderung der französischen Revolution, so um 1789 herum. Hierfür gingen die Revolutionäre in Frankreich auf die Barrikaden, gegen den korrupten Adel, die Könige, die das Volk knechteten und misshandelten. Allons-enfant pour la Patrie – „Auf geht’s für das Vaterland“ heißt es heute noch in der französischen Nationalhymne – “Le jour de gloire est arrivé!” – der Tag der Herrlichkeit ist gekommen.

Drei Säulen der Geschichte

Diese drei großen wichtigen Säulen für ein humanes, gewaltfreies, vielleicht schon bald herrschaftsloses oder demokratisches Menschsein gingen in die Geschichte ein. Und überraschenderweise tauchen beim genaueren Hinschauen auf die französische Geschichte einige Parallelen zu der aktuellen Situation auf. Auch da ging es meistens um zwei Dinge, um Macht und Geld. Aber auch um Kriege, wie den, welchen der französische König in Übersee führte und die Staatskasse lehrte.

Und es ging auch um die Dekadenz der Könige in ihren Prachtbauten wie zum Beispiel dem Palast in Versailles. Zwei Bevölkerungsgruppen blieben mir im Kopfe aus dieser Zeit, zwei Gruppen, die sich in die Politik einmischten, es waren die Frauen mit ihrem Zug nach Versailles, der Besetzung des Schlosses und dem Druck auf Ludwig XVI. Lebensmittellieferungen durchzuführen und die Bauern, die sich einmischten und ihr Menschsein in die Hand nahmen.

In der Schule, die für mich Gott sei Dank schon lange vorbei ist und von der ich mit meinen Begabungen nichts, aber auch gar nichts mitgenommen habe, lernten wir die Begriffe als Vorbilder zu verehren – nur, wenn wir versuchten, dies in der Schule anzuwenden, gab es Strafen: Nachsitzen, Prügel bis hin zum Verweis aus der Lehranstalt. Irgendwie hatte ich da schon das Gefühl, dass ich mit meiner Musik, meiner Kunst frei bin und mich das alles gar nichts angeht.

Freiheit unser größtes Gut

Und Freiheit, sage ich Ihnen, ist das allergrößte Gut welches man als Human Being haben und leben kann. Frei sein, unabhängig sein, den Geist schweifen lassen – wann immer es nötig ist, offen zu sein, empathisch, entgegenkommend, und natürlich auch kritisch. Frei sein, um in dieser Welt zu leben, sie nicht auszubeuten, nicht, wie heute in dieser Wirtschaftsform, die man Kapitalismus nennt. Ohne Freiheit gibt es keine Gemeinschaft, keinen Frieden, nur Gesellschaft, und das immer größer werdende Auseinanderklaffen der sozialen Schere.

Heinzenkapelle

Die Musik, so wie ich sie sehe, höre, spiele, denke und in ihr lebe – diese Musik hat ein eigenes Denken, ein eigenes Dasein im System der humanen Kommunikationsmittel. Sie ist nahe an der Lyrik angesiedelt und weit weg von der Prosa. Solange es nur Gesellschaften gibt, die, wie Max Frisch dies in mein geistiges Stammbuch, in seiner Rede – die er anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels hielt – schrieb, gibt es keine Gemeinschaften und eine Gemeinschaft wiederum hat so viel an geistigen Gütern, dass sie im Grunde auch keine gesellschaftlichen, rechtlichen Regeln braucht. Sie funktioniert, so wie wir Musiker dies kennen, ausschließlich mit dem Handschlag.

Wenn ich mit meinem Flügel, meinen KlangSteinen mit einem anderen Musiker, einer anderen Musikerin spiele, brauche ich keine Regeln, keinen Flensburger Katalog mit Strafverordnungen sondern ausschließlich meine Sinne, das Hören, das Spüren, das Fühlen, auch das Sehen, das brauche ich.

Hier geht es um etwas, was ich bei den drei Begriffen immer noch als wichtigstes Bindeglied hinzunehmen würde und das wäre die Beziehung, das System derselben, die immer auf der Kooperation basiert, auf der Brüderlichkeit. Ein Ensemble von Musikern funktioniert nur über dieses Prinzip, hier kann dies gelernt, gelehrt und geübt werden.

Grundsatz der Gleichheit

Dazu kommen, dass der Grundsatz jeder Gleichheit für mich heißt: Kein Mensch ist besser als der andere und niemand hat über den anderen Macht auszuüben. Es hat keine Könige, keine Kaiser, keine Präsidenten, es hat keine Mächtigen zu geben. So sollte es in der Musik im Grunde auch sein, und so ist es auch meistens, es reicht Musiker zu sein, nicht mehr oder etwas anderes. So wie die Inder zu mir sagten, als ich versuchte meine Tätigkeit zu beschreiben: “Ah, you are a musician.”

In unserer abendländischen Kulturgeschichte, unserer Religionsgeschichte wurden wunderbare Kirchen gebaut, großteils architektonische Wunderwerke, statische Glanzleistungen. Ich liebe diese Bauwerke, das Ulmer Münster, Notre-Dame in Paris, die Kathedrale in Granada. Ich liebe
diese Bauwerke, ihren tiefen spirituellen Ausdruck, ich liebe es dort zu spielen: die Orgel und den KlangStein.

Was ich im Laufe meines Lebens gelernt habe immer weniger zu schätzen ist die Institution, die Firma, die dort herrscht und die man mit demselben Namen bezeichnet: mit Kirche. Diese hat, für mich so gut wie nichts mehr mit Religion zu tun. Als tief-gläubiger Mensch-Christ, als spiritueller Gleichheitsfanatiker (oder wie immer man dies nennen mag), oder auch als Freiheitskämpfer hat man dort keinen Platz. Auch dort geht es heute um Geld und um Macht, so wie in den großen Konzernen. Ich denke nur an den aktuellen Umgang mit den Missbrauchsopfern. Ich denke mir eine Kirche ohne gesprochene Texte, ohne das Herumgebete, um das immer selbe Theater.

Ein Motto für den Frieden

Mein Lieblingsprojekt lautet: „Macht aus den Kirchen Konzertsäle“.
Das wäre ein Motto für den Frieden, für Freiheit, für Gleichheit, alles ohne Lug und Trug.

Gemeinschaft, Brüderlichkeit entsteht immer, wenn ich Musik mache, ich mit Freunden, Kollegen, Mitmusikern die Räume füllen, die Kirchengebäude zum Räsonieren bringe, dann lerne ich meine Mitmenschen hierbei, beim Spiel wirklich kennen, dann wenn wir Kooperieren, einander Zuhören, für uns und alle Anwesenden spielen. Hierbei spüre ich, dass es um mehr geht als ein Orchester, ein Ensemble zu sein, hier entsteht so etwas wie Gemeinschaft, Brüderlichkeit, Freiheit, Gleichheit, diese großen Themen.

So ähnlich war es an einem der letzten Samstagabende hier bei den Iffeldorfer Meisterkonzerten auch. Die meisten zuhörenden Menschen kenne ich nicht und durch die Maske erkenne ich ohnehin so gut wie niemanden mehr. Und trotzdem spüre ich schon vor dem Erklingen der ersten Töne an so etwas wie dieses Gemeinsam-sein, gemeinsam für knapp 2 Stunden zusammen mit Arno Jochem de la Rosée, dem großartigen Gambisten, Cellisten und seinen drei wunderbaren MusikerInnen, ihnen und ihrer Musik zuzuhören. Und gemeinsam weg zu schweben, weit weg, dort wo ich eigentlich immer bin. Niemand schwebte alleine, alle schwebten in irgendeiner Form gemeinsam, wohin und wie auch immer durch Zeit und Raum. Es war so etwas wie die eigene innere Freiheit, die jeder nutzen durfte um die wunderbaren Schwingungen dieser Musik-Reise gemeinsam erleben zu können.

Vom ersten Ton an war es dieses Gemeinschaftsgefühl, welches man spätestens beim Klatschen fühlen und hören konnte. Ich denke dass nahezu alle der anwesenden Zuhörer vom ersten Ton an, von den ersten Klängen diesem wunderbaren Zauber erlagen, in das erste und alle weiteren folgenden Klatschvorgänge eintauchten, ohne Druck, ohne Zwang, völlig frei und nur bestimmt von diesem unglaublichen Gefühl einzustimmen in diese Form der Brüderlichkeit, der Gleichheit, der FREIHEIT: Das ist Leben, das ist das Sein, das ist die Verbindung zwischen uns allen in diesem Raum, stellvertretend am besten gleich für die ganze Welt, für alle Menschen, die wir uns in diesem Augenblick vorstellen.

Wirklich frei sein

Und wenn wir das täglich hervorzaubern könnten, ohne Pause jeden Tag mit immer mehr Menschen zusammen spüren würden, ginge es diesem Planeten unendlich besser – und uns auch. Würden wir wirklich FREI sein, hätten wir in diesem Moment keinerlei Ungleichheit zwischen uns und den Menschen um uns herum. Dann würden wir dass spüren, was mit der Fraternité in der französischen Revolution gemeint war und heute noch ist.

Davon bin ich in der unendlichen Tiefe meines Seins, meiner Seele felsenfest überzeugt und dafür lebe ich. Für das Alpha und Omega dieses Lebens, für die unendliche Liebe und die dadurch ausgelöste Freiheit, die Gleichheit und Brüderlichkeit.

Heute schließe ich im Angedenken an Friedrich Nietzsche mit dem Satz aus meiner geistigen Heimat, dem Engadin:

„Man sollte keinem Gedanken Glauben schenken, der nicht im Freien geboren ist.“

Herzliche Grüße Klaus Fessmann