Wo bleibt die Freiheit?

Meine Ausführungen im letzten Beitrag über mein Wahlverhalten lösten eine ganze Reihe von unterschiedlichen Meinungen aus, eine ganze Palette von Denkweisen. Das tut mir immer sehr gut, denn dann spüre ich meine Leser wirklich.

Dass es hier fast ausschließlich um das Wählen ging, hatte ich gar nicht erwartet. Dieses Wählen, und ich meinte nicht nur das politische Wählen, habe ich nur als ein Synonym für Freiheit verstanden.

Eine Freiheit, die ich als Möglichkeit, mich zu entscheiden, außerordentlich schätze.

Im Grunde war es nur das, auf das ich hinaus wollte. Es ging mir um die Freiheit, die ich jeden Tag neu erarbeiten muss, sie mit Leben füllen, sie träumen, sie lieben, sie tönen, sie im lehrenden, im spielenden Miteinander erfahrbar werden lasse.

Und ich kann nie genug bekommen von ihr, sauge sie in mich auf, lasse sie in meinen Klängen durch den Äther fliegen.

Man mag mich als Illusionist und Utopist bezeichnen, als Sysiphos, als Idealist, wie auch immer und gerne.

Wichtig bleibt für mich – und dafür brenne ich – , dass der Glaube an die Freiheit, die Humanität, die Gerechtigkeit, die Gleichheit und die Ehrlichkeit niemals verloren gehen darf. Gleich wie sich die Bedingungen auch ändern mögen.

Ich glaube felsenfest – und mit den Klangsteinen im wahrsten Sinne des Wortes – an die positive Macht der Musik.

Für mich ist Musik nicht die schönste Nebensache der Welt, sondern die wichtigste, bedeutendste und schönste Hauptsache.

Unter anderem deshalb schreibe ich diesen Newsletter. Um daran zu arbeiten, der Musik wieder eine andere Bedeutung in dieser primär materialistisch ausgerichteten Welt zu verschaffen.

Gerne würde ich den Newsletter musikalisch verfassen, ihn live spielen. Vielleicht schaffe ich dies auch eines Tages!

Mir geht es nicht um die Gema, die GVL, die Künstlersozialkasse. Mir geht es um viel mehr und dafür setze ich mich seit Jahren auf meine Art ein.

Das gesamte aktuelle Wirtschaftssystem hat für mich wenig mit der von mir gemeinten Freiheit und auch nichts mit Nachhaltigkeit und den anderen oben erwähnten Werten zu tun.

Dass sich dies grundlegend ändert, daran arbeiten viele Menschen. Als Beispiel verweise ich auf den Waldviertler Heini Staudinger.

Mir aber, als Musiker und Künstler, schweben ganz andere Dinge vor.

Heute leben Millionen Menschen auf dieser Erde von den musikalisch-geistigen Produkten, die Mozart, Wolff, Schubert, Bach, Beethoven und viele andere geschaffen haben.

Meistens wurden sie dafür schlecht bezahlt, einmalig ausbezahlt. Diese Kompositionen, die Opern, Symphonien, Sonaten, Lieder, Songs etc. sind meist seit Jahrhunderten grandiose Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, wie ich dies nenne.

Sie ermöglichen unglaublich vielen Menschen in dieser Welt zu existieren. Neben den Verlagen, den Musikhandlungen, dem Instrumentenbau, den Agenturen, den Rechtsvertretern etc. sind es die Musiker, die Künstler, die diese komponierte Musik zum Erklingen bringen und Menschen damit berühren, bilden, gesunden lassen, in Bewegung bringen.

Diese Musik kann von jedermann frei benutzt werden. Man muss sie nicht erwerben, um sie spielen zu dürfen.

Woher, frage ich, kommt dieses Recht, so etwas in dieser Art zu tun?

Nehmen wir eine Mozart-Oper: Don Giovanni zum Beispiel.

Man braucht eine umfangreiche Infrastruktur der Firma Oper. Von den Werkstätten, den Bühnenarbeitern, den Garderobiers, den Kartenverkäufern, den Dirigenten, dem Orchester, der Pausenbewirtung, den Solisten, den Chören usw. werden es einige Hundert sein, die hier, oft öffentlich angestellt, ihr täglich Brot verdienen.

Der Einzige, der davon nichts hatte, außer einem wie gesagt kleinen Honorar, war und ist der Mozart, der dies erfunden und komponiert hat. Der Wolfgang wird natürlich nichts mehr davon haben, auch seine Erben nicht.

Aber ihn, den Mozart, sehe ich als Paradigma für einen Komponisten, einen Musiker, der Klangfolgen erfand, die heute noch täglich in der ganzen Welt zigfach aufgeführt werden.

Diese Musiker, die heute stellvertretend für „Mozart“ komponieren, spielen, musizieren, üben und lehren, Kultur vermitteln und denen es in Teilen ähnlich geht wie es dem Mozart damals erging, die hätten etwas davon, wenn man das ganze System nicht nach den aktuellen wirtschaftlichen Prinzipien betrachtet, sondern als notwendige Kunst, als dringend notwendige Bildungsmaßnahme.

Als Maßnahme, um Freiheit zu ermöglichen. Freiheit des Geistes, Freiheit des Tönens. Und das sollte durch die Benutzung der „Rechte“, die ja irgendwie liegen müssen, finanziert werden.

Ist das zu verstehen?

Nicht alles, was erfunden wurde, passt heute in eine Daimler-Garage, auf ein Bankkonto oder in die Schublade. Besonders immaterielle Dinge sind schwer zu begreifen, wenn man nur in dieser, der materiellen Welt, aufgewachsen ist.

Musik war zum Beispiel immer eine der größten Heil-Maßnahmen dieser Welt.

Die Auswirkungen von Musik auf Körper, Seele und Geist ist über Jahrhunderte nachgewiesen.

Die Wirkung von Musik kann durch kein Gerät auf dem Gesundheitsgerätemarkt nur annähernd erzielt werden. Dass Musik nicht operieren, das gebrochene Schienbein nicht in Ordnung bringen kann, ist logisch.

Aber alle Rückenprobleme, den Hexenschuss, den Tinnitus, die Gicht und noch viel mehr sind schnell und nachhaltig ohne Chemie heilbar. Und dies ganz ohne Spekulation, auch hier mit wissenschaftlichem Nachweis.

Was ich damit sagen will, ist:

Kultur, Musik, Malerei, Lyrik, Sprache, Bildende Kunst sind nicht zu messen an den aktuellen Regeln des Marktes, des Finanzsystems, der Börse oder dergleichen.

Warum muss man heute einen „Kunstmarkt“ haben, ein Ding das nichts mit Kunst zu tun hat, sondern nur mit Kommerz?

Von dem niemand außer einigen Spekulanten etwas hat?

Und woher nehmen die das Recht sich so zu verhalten?

Wieso soll eine Stradivari-Geige immer teurer werden?
Besser wird sie dadurch auf keinen Fall!

Und dann nimmt irgend ein Banker dem Frank Zimmermann seine Geige, die er ausgeliehen hat weg, nur weil sie auf dem und dem Markt mehr Geld bringt.

Kein Picasso wird besser, kein Cello klingt lauter, wenn die Bänker hier eingreifen! Vielmehr wird den eigentlichen Künstlern die Möglichkeit genommen, ihre Kunst auszuüben.

Um so etwas und noch viel mehr durchzusetzen, würde ich auch eine Vereinigung – ob ich sie als Partei oder Fuge bezeichnen würde weiß ich noch nicht – gründen.

Dafür, um solche für mich Idiotien zu verhindern, würde ich solch eine Organisation gründen.

Dann gehe ich wieder wählen. Und zwar uns, uns Musiker, Künstler zur Vermeidung all der Verhinderungsaktivitäten und zur Umsetzung dieser Ideen einer anderen neuen Kultur.

Mein Freund Udo Landow antwortete mir auf meinen Newsletter, dass er denselben an alle seine Musikerfreunde weitergeschickt hätte und schrieb: „Alle fühlten sich angesprochen. Du wärst der perfekte Politiker – so ganz ohne Politik. Nur in guter Schwingung.“

Ich denke ich sollte es tun – und weiter über das alles schreiben und spielen und singen und lieben und tönen. Und mit vielen, vielen Künstlern und Musikern diese Welt umändern.

Oder?

So in etwa wie: Der für mich bedeutungsvollste Komponist John Cage, den ich vor langem kennenlernte und von dem ich lernen durfte. Er antwortete bei einer Diskussion im SWR vor vielen Jahren auf die Frage, ob er sich vorstellen könnte, dass politische, gewaltvolle Auseinandersetzungen mit seiner Kunst lösbar wären, mit einem einfachen „Yes“.

Den Klang dieses „Yes“ habe ich nie mehr vergessen. Bis heute nicht.

Dem zu folgen wird sich sicher lohnen!