Die Zeit der Steine

So geriet ich über die Lyrik, über die höchste poetische Form der Sprache, dort wo sie der Musik am nächsten ist, zu den Steinen – und sie zu mir.

Wir trafen uns nicht durch Zufall und wir lieben und schätzen uns unendlich. Werner Dürrsons Lyrik der Höhlensprache mit seinen Wortbrocken fand in mir sofort das klangliche Pendant.

wort stein zeit
zu hören brocken
unausgesprochen
zu lesen klotz

waren für mich sofort solche Klangbrocken aus den Steinworten.

„Ewigklang entschwingt sich dem Stein zu Händen die wässern & finden“, schrieb uns der Holzschnitzer Erich Walz nach einem Konzert am Rande der schwäbischen Alb mit dem Cellist Fried Dähn und dem Wasser-Stein-Schlagwerker Manfred Kniel ins Stammbuch.

Und den so tiefgründigen Satz: „Komplizierte Einfachheit gibt sich dem Sucher.“

Wie Recht er hatte, der Holzschnitzer. Er wusste, dass sein Material auch aus dem Stein hervorgeht. Er wusste, dass wir alle auf Gesteinen leben, „mit ihnen und durch sie. Unter der dünnen Decke der Vegetation liegt Gestein – überall in unterschiedlicher Art: fest oder weich, zerbrochen oder kompakt, homogen oder mit vielfältigen Formen und Strukturen“, schreibt mein Freund der Geowissenschaftler Jörn Kruhl in unserem neuesten gemeinsamen Buch.

Steine
Bilderserie aus Dünnschliffen von Prof. Dr. J. Kruhl

Und ich schreibe weiter im Dialog:

„Wie komponiert die Natur ihre Klänge?
Was ist es, das da tönt?
Ist es die Qual der Störung der Ruhe?
Ist es die Erde an sich?
Ist es die endgültige Form?
Wahr-haftig?

Ist es die neue Ästhetik, eine Ästhetik jenseits aller gekannten? Ästhetik an sich?
Resonanz an sich im Wiedertönen des eigenen Inneren?“

Einen Stein in der Hand zu haben, ihn zu berühren, über ihn zu gleiten, dort die Klänge schon vorhören, die in ihm sind – was für ein Gefühl! Was für ein Spüren!

„Die Musik der Steine kann Vernunft und Ratio in ihre Schranken verweisen. Intellekt, Vernunft und seelische Anpassung müssen sich der absichtslosen Weisheit der Steine-Musik unterordnen. Man muss nicht weise sein, um diese Musik spielen zu können; darf sich aber die Chance nicht verbauen weise zu handeln,“ schreibt Manfred Kniel, der Steinschlagzeuger des Trios.

Steine
Manfred Kniel am Felsblock

Als ich nach den ersten Jahren fragte, ob er meine großen Stein-Klang-Wolken nicht durch seine geniale Rhythmik strukturieren könne, kam er mit seinem Schlagzeug im Gepäck ins Atelier. Er packte aus, begann zu spielen und nach nicht einmal fünf Minuten hörten wir genervt auf. Klangstein und die Becken, Trommeln etc. gingen überhaupt nicht zusammen.

Stein, und das war dann schnell klar, geht nur mit Stein – und mit Wasser. Also holten wir uns einige Kübel, füllten sie am Tübinger Neckar mit Steinen, die dort angeschwemmt worden waren, und schon war die Grundlage für das Steinschlagwerk gelegt.

Die Kieselsteinkiste, die Platten, die Bohrkerne, der Felsbrocken und der Doppelstein – genau nach Fibonacci gebaut. Und es kam immer mehr dazu.

Steine
Manfred Kniel und Fried Dähn in der Philharmonie Essen

So elementar war der Anfang und blieb es auch.

„SteinMusik ist weder modisch noch spektakulär. Sie bleibt in den Grenzen ihrer natürlichen Möglichkeiten. Darin liegt ihre Größe“ , schrieb mir Manne Kniel.

Aber wir fingen irgendwann noch früher an: Dort wo kurz danach die Evolution den Stein in den Sand und dann ins Wasser übergehen lässt. Bei den Kieselstein.

Einen Kieselstein in die Hand zu nehmen, links den Klangkiesel, flach und gut im Handteller liegend, und rechts den kleineren Klopfkiesel. Die Hände zu schließen und den Stein ganz fest zu halten, verleiht einem das Gefühl, hier zu sein, auf der Erde zu stehen.

„Wenn ich den Kindern am Anfang der Therapiestunde zwei Kieselsteine in die Hand gebe, ist es so, wie wenn sie mit einem Mal konkret werden“, erzählte mir meine Kollegin, die Therapeutin Dr. Tarr.

Konkret, klar und gut gesichert. Und emphatisch ist er auch der Stein: Nimmt sofort die Handtemperatur an und verändert damit die seine.

Steine

„- steine erneuern sich und die gehüteten Himmel wechseln täglich“, schrieb Peter Härtling, dessen Gedichte ein wahrer Schatz an Stein&Klangbildern sind. „Kieselsteine im Mund und Wörter die auf Ihnen kauen“ ist ein weiterer.

Er, der leider vor kurzem viel zu früh gehen musste, schrieb Gedichte, aus denen ich unmittelbar den Klangstein spürte, aus denen ich zwei große Klang-Musik-Zyklen formte. Den einen spielten wir im Winter bei 4° in der Salzburger Kollegienkirche. Er neben mir im Pelzmantel und mit Pelzmütze, ich mit leichtem Hemd am Klangstein.

Die Tutzinger Evangelische Akademie hatte vom 1. bis 3. Februar 2002 ein Symposium über mich und die Klangsteine veranstaltet, ein ganzes Wochenende lang. Sie hatte beschlossen, dies mit meiner Universität in Salzburg zusammen zu tun.

Zwei Konzerte spielten wir in der herrlichen aber eiskalten Kollegienkirche. Zum ersten Mal überhaupt begann mein Tun mit den Klangsteinen in der Öffentlichkeit eine größere Resonanz zu ermöglichen.

Für mich war die Einladung bedeutend, ob in Tutzing oder Salzburg war nicht so wichtig. Gut war es, die SteinMusik in die Welt zu bringen. Ich hatte schon länger die Härtlingschen Gedichte studiert und dann SteinKlangGedichte gefunden wie:

Sobald die steinernen Köpfe
von uns nicht mehr
gelebte Strophen
singen:
ihr altes Lied,
beginne ich
durch diesen Wald zu wandern,
von Kopf zu Kopf
und berühre
die Kiesellippen,
damit ihr Lied nicht ende,
in das ich nun hineinwachse,
hinein
in den tönenden Stein,
ein Kopf neben Köpfen.

Die Musik der Klangsteine aus der Musik des Textes herauszufühlen, sie entstehen zu lassen im Klangstein, im Kieselstein, in der gesamten SteinKlangWelt ist nach wie vor der bedeutendste Teil meines täglichen künstlerischen Tuns.

Und ich bin überzeugt von dem, was Erich Fried schreibt:

Die Zeit der Pflanzen
dann kam die Zeit der Tiere
dann kam die Zeit der Menschen
nun kommt die Zeit der Steine

Wer die Steine reden hört, weiß
es werden nur Steine bleiben
Wer die Menschen reden hört, weiß
es werden nur Steine bleiben

Wenn ich Steine schreibe, meine ich damit nicht irgendeine Art von ausgewählten Steinen wie Edelsteine, Diamanten , Kunststeine. Nein, ich meine die ganz normalen am Straßenrand liegenden Steine. Der ganz normale Stein hat Klänge in sich.

Er hat nicht nur einen Klang oder zwei oder drei. Nein, er hat unendlich viele Klänge in sich. Diese Klänge, die sich übrigens entwickeln, galt und gilt es zu entdecken. Mit seinen eigenen Händen sie spüren lernen, heraus zu finden, wo sie sind, wie sie sich bewegen, wie ihre Gestalt ist, ihr Klangcharakter, ihre Farbe, wie es der Holzschnitzer beschreibt

… sein fühlendes ohr
ersaugt erschmeichelt stimmen schürft sie & sammelt
ewigklang entschwingt
sich dem stein zu hängen
die wässern & finden
enttrockneter born
entläßt die steinwaldseufzer
aus dem festesten
kommen sie ans licht
schwingen die regenbogen
in klangduftfarben

Steine

Prof. Klaus Feßmann in Kusterdingen-Wankheim
bringt Steine zum Tönen
Für DIE DRITTE SEITE
11.09.03
Foto: Manfred Grohe

Eigentlich unvorstellbar, dass diese Qualitäten in der Geschichte der Musik und der der Menschheit nach wie vor keine oder eine nur sehr geringe Rolle spielen.

Ich nehme hier nur einen kleinen Aspekt heraus. Spiele ich Stein und beginne an der ersten Lamelle vorne, so kann ich zu dem gespielten ersten Ton an derselben Stelle einen zweiten Ton hinzufügen.

Beide Töne kann ich getrennt voneinander spielen, lauter oder leiser werden lassen, verschwinden lassen und wieder hervorholen.

Und je häufiger ich an einem Stein spiele, kommt dann nach und nach zu den zwei Tönen ein dritter hinzu und ich kann auch mit ihm so spielen wie oben beschrieben.

Momentan erreiche ich es, dies mit vier Tönen zu spielen. Das, meine traditionellen Instrumentenbauer, die ihr wirklich großartige Geigen, Celli, Trompeten etc. baut, gelingt nur dem Stein.

Und so ist es sicherlich verständlich, dass ich sehr ungehalten reagiere, wenn jemand sagt, das ist ja nur ein Stein…

Bevor ich für heute aufhöre, möchte ich nicht schließen, ohne mitzuteilen, dass Sie alle, dass jeder Mensch in der Lage ist, Klangsteinspielen zu lernen.

Sie brauchen dazu kein Musikstudium haben, nicht jahrelang Rhythmen gelernt, Tonleitern geübt zu haben. Sie werden unter meiner Anleitung und derjenigen von den von mir ausgebildeten, inzwischen lehrenden Klangsteinspielern schon innerhalb kürzester Zeit bei einem unserer Workshops Töne und Klänge aus dem Klangstein herauslocken und diese in Ihren Händen spüren.

Und es wird Ihnen unendlich gut tun, dies machen zu können. Dafür verbürge ich mich.

Im nächsten Newsletter in zwei Wochen führe ich Ihnen dies vor, zeige Ihnen wie man spielt und wann und wo die nächsten Workshops stattfinden.

Wo Sie, ohne Stress und Druck, aktiv Musik machen können. Und das ist ungleich intensiver und effektiver für Geist und Körper als das nur Zuhören. Das ist einfach zu wenig.

Abschließen möchte ich mit den Worten von Humberto Ak ́abal:

STEINE

Die Steine sind eigentlich nicht stumm:
sie schweigen nur.

Steine