Schule

Ein musikalischer Wildfang

Liebe Leserschaft,

der letzte Beitrag über Familie Clement endete mit der Integrationsproblematik an Schulen und hier wollen wir wieder anknüpfen:

„Das Ministerium hatte für solche Fälle und für die gesamte Migrationsproblematik nur unnütze Sprüche parat.

Besonders diejenigen eines ihrer Spezialisten, einem der überklugen spitzfindigen Neurologen waren gerade überhaupt nicht geeignet, hier irgendwie hilfreich zu vermitteln.

Die Hochschulen waren, wie immer durchaus bereit (wir sitzen im gleichen Boot), eine gewisse Praxisnähe zu demonstrieren.

Nur, wenn man vor der Klasse stand und Schüler aus neun Nationen – ob verschleiert oder nicht war fast schon zweitrangig – vor sich hatte, war alles völlig anders.

Alle klugen pädagogischen und didaktischen Sprüche erwiesen sich als Quatsch.

Stundentafeln als unnützer Humbug.

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Die Sprüche wie: „Sie müssen die Schüler dort abholen, wo sie stehen“, als geradezu suizidgefährdender Schwachsinn.

Wenn man die Schüler dort abholen wollte, wo sie stehen, dann war dies schon in den ersten zwei Stunden des Tages kaum möglich. Die meisten, nahezu alle, waren völlig verschlafen und hatten kein Frühstück im Magen.

Sie mussten alleine aufstehen, niemand machte ihnen etwas zu essen, niemand schaute, ob sie alles eingepackt hatten und wann es Zeit war, auf den Bus zu gehen.

Und dort sollte man sie abholen?

Die Reißleine ziehen

Im Stundenplan war nicht von Frühstück die Rede, von Müsli, Vollkornbrot, selbstgemachter Marmelade, warmer Milch und dergleichen.

Das wäre sinnvoller und besser gewesen als das Konjugieren einer ihnen immer noch fremden Sprache zu üben.

Einer fremden Sprache, deren Fremdheit oft noch kultiviert wurde.

Davon blieb im Langzeitgedächtnis ohnehin nichts haften, schon in der Pause wurde mit den Mitschülern ausschließlich in der Muttersprache gesprochen.

Das Kollegium der Grundschule, an die Julia Andrea für ihren zweiten Referendariatsteil versetzt worden war, hatte vor einigen Jahren die Reißleine gezogen.

Die Schule war am Ende und miserabel beleumundet. Niemand wollte seine Kinder mehr dorthin schicken.

Alle, die etwas auf sich hielten, mieden die Anstalt.

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Das Kollegium, zu 90 % Lehrerinnen, physisch und psychisch (fast) am Ende, beschloss, den Verfall nicht mehr länger mitzumachen.

Und als eine große Illustrierte über den Zustand der Schule berichtete, riss das Kollegium das berühmte Ruder herum.

Statt die Schule zu schließen, wurde die Umwandlung zur Modellschule beantragt.

Diesem Antrag wurde von ministerieller Seite stattgegeben und das Kollegium begann zu planen.

Zwei türkische Lehrer wurden eingestellt. Die Ganztagsschule, gemeinsames Mittagessen und nachmittägliche Schulaufgabenbetreuung wurden eingeführt. Das Frühstück war auch schon in Planung.

Julia Andrea fühlte sich gestärkt. Sie hatte ein klein wenig das Gefühl, eine gewisse Art von Sicherheit zu bekommen.

Sprachliche Gewalt

Die Gewalt blieb ein Thema.

Sie war natürlich nicht nur ein Thema der Migration, sie war ein gesellschaftliches, allgemeines Problem.

Nur bei den Schwächsten, die dies unverbraucht loswerden, kann man es dingfest machen.

Auch Lügen sind Gewalt, denken die Humanisten. Brutal auf einer anderen, sprachlichen Ebene.

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Gewalt entsteht, wenn man die Scheinheiligkeit nicht mehr aushält.

Wenn man besonders bei den Damen und Herrn, die sich aufgemacht haben, ihre Macht auszuleben, hört, wie sie vernichtende Niederlagen in Erfolge ummünzen.

Wenn einem, weit weg von diesen abgeschotteten Machtzentren, die Wut packt beim leichtfertigen Umgang mit dem, was wir ihnen anvertraut haben.

Hier entsteht Gewalt und nicht bei den kleinen Kids, die mit 12 Jahren in den Knast gesperrt werden sollen.

Schon in den indischen Veden geriet die Musik zwischen die Machtkämpfe der Götter, nachdem diese erkannt hatten, welche unglaubliche Kraft und Möglichkeit hier gegeben war.

Sie entfloh in die Steine, die Pflanzen und Wagenachsen und die Herren und Damen Götter konnten sie nicht zu ihren Zwecken missbrauchen.

Und so ist daran zu arbeiten, dies wieder zurückzuholen, zurück und für die Menschen gerade nicht verfügbar für alle Zwecke und Zeiten.

Es kann immer nur ein kooperatives Miteinander sein, nie ein Gebrauchen.

Der Puls des Lebens

Julia Andrea hatte begonnen, sich kundig zu machen, um mit den Gewaltexzessen umgehen zu lernen.

Tatsächlich fand sie eine ganze Reihe von Gewaltpräventionsprogrammen.

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Natürlich und interessanterweise begannen diese schon im Kindergarten.

Sie waren in der Grundschule präsent, wurden für die Sekundarstufe angekündigt und verloren sich dann nach und nach.

Scheinbar haben der Mittelstand und die Upperclass keine Gewaltprobleme mit ihren Kids.

Die Programme, über die sie sich informierte, waren „feindfrei, voller Empathie, leidlich, … gib ihms?“.

Sie ließ sich Unterlagen zuschicken. Evaluierungsberichte, DVDs, Prospekte, Einladungen zu Weiterbildungen, die sie schließlich beantragte und sofort genehmigt bekam, lagen bei.

Eines Samstags fuhr sie zu solch einer Fortbildung.

Die Zugfahrt dauerte zwei Stunden, die Fortbildung sollte gegen 17 Uhr zu Ende sein.

Damit erreichte sie noch den letzten Zug und war schließlich gegen 21 Uhr wieder zu Hause.

„Kopfig“, dachte sie. „Ziemlich interessant und faszinierend, aber irgendwie zu kopfig“, wieder im Zug sitzend nach Hause.

Ihr war während des Tages immer wieder der afrikanische Trommeluntermieter Abdullah Ibrahim eingefallen.

Immer, wenn die Empathie geübt werden sollte und besonders bei der Kontrolle der Impulse, fiel ihr Abdullah Ibrahim ein.

Der „just to make love“ – Trommler, der immer im Puls war.

Der den Puls jede Sekunde seines Lebens lebte, der nicht nur in seinem Blut, nicht nur in seinem Atem pulsierte.

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„Kann man überhaupt“, sinnierte sie, „gegen jemanden Gewalt anwenden, wenn man in sich, mit sich selbst pulsiert, in sich, mit seiner eigenen Ordnung lebt?“

Über diesen Gedanken schlief sie ein.

Die Eigenbrötlerin

Sarah Lea ist die Nachzüglerin der Familie.

Ob sie so richtig geplant war, wissen die Götter und die Beteiligten hüllen sich in Schweigen.

Manche Dinge sind nicht groß zu diskutieren, es ist einfach wunderbar, dass sie da ist.

Sie lebte von früh an in ihrer eigenen, ganz versponnenen – Lanslot würde sagen – hellsichtigen Welt.

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Sie verhielt sich einfach anders wie sich alle anderen verhielten.

Es war niemals, bis heute nicht, vorauszusehen wie sie auf einen Vorgang, eine Person, ein Angebot reagieren würde.

Imitation als eine der ersten Grundverhaltensweisen der Kinder, so beschreibt es zumindest die Pädagogik, lehnte sie von Anfang an ab.

Auch noch so große Begeisterungsstürme der Umgebung veranlassten sie nicht, sich irgendetwas anzuschließen.

Meistens stellte sie sich außerhalb hin und beobachtete, was sich ereignete und entschied dann, ob sie mitmachte oder außen blieb.

Ihr Verhalten war mit nichts und niemandem vergleichbar.

Mit ihren Locken und der zarten Feingliedrigkeit glich sie einem Engel.

Als Nachzügler genoss sie alle Vorteile dieses Status, wurde umsorgt und gepflegt, gehegt wie man so schön sagt.

Gleichzeitig nahmen die größeren Geschwister, die ihre eigenen persönlichen Individualitäten aufbauten, die Kleine, den Pimpf, wie sie sie nannten, meistens als ausgesprochen lästig wahr.

Aufpassen auf sie, sie ernst zu nehmen, war ein Thema, welches (fast) allen unglaublich auf die Nerven ging.

So baute Sarah Lea ihre eigene Welt, lebte in ihrer Phantasie, die sich immer mehr aus den Klängen der Dinge zusammensetzte, die sie um sich herum wahrnahm.

Der menschliche Biber

Sie war so oft wie möglich draußen und überall dort unterwegs, wo es ihr gut tat, wo sie sich wohl fühlte.

Es gab Phasen, in denen sie täglich völlig verdreckt nach Hause kam.

Von der Haarspitze bis zu den Schuhen starrte alles nach einem Gemisch von Wasser und Erde.

Immer mehr Kinder schloßen sich ihr offenbar an, was niemand zu Hause bemerkte.

Erst als das Forstamt anrief und mit der Polizei und Schadensersatzforderungen drohte, ging Julia Andrea mit in den Wald und fand eine Art Stausee vor, der schon eine beträchtliche Fläche ausfüllte.

Es war eine gigantische Schweinerei, in der eine Horde von Kids, offensichtlich unter der Leitung von Sarah Lea, wühlte und Staudämme baute.

Am radikalsten, am schmutzigsten, am lautesten war Sarah Lea.

Ihre Augen glühten in dem dreckverschmierten Gesicht und ihre lauten Anweisungen, denen offensichtlich jede und jeder gehorchte, hatten eine Überzeugungskraft, die sich aus ihren hohen musikalischen Fähigkeiten speiste.

Julia Andrea fühlte sich an den Gesang der Sirenen aus der Odyssee erinnert (Thema in der Geschichtsepoche der Oberstufe).

Dort, wo Odysseus an den Mast angebunden werden musste, um diesen Klängen nicht zu erliegen.

So ähnlich, dachte sie, muss es geklungen haben.

Es war schwierig Sarah Lea ihr Vorhaben, einen ganzen Waldteil zu fluten, auszureden.

Erst als allen anderen MitarbeiterInnen die Tätigkeit verboten worden war, verlor auch sie langsam das Interesse.

Eine musikalische Offenbarung

Sarah Lea hatte immer schon versucht, aus allen Dingen den Klang herauszufinden, der sich in diesem Gegenstand, in dieser Materie befand.

Wir ließen sie ausprobieren. Instrumente gab es genügend im Hause.

Natürlich entsprach keines ihren Vorstellungen, offensichtlich empfand sie alle Instrumente als trivial.

Erst als bei einem Orchesterkonzert, bei welchem Julia Andrea mitspielte, Sarah Lea nach stundenlanger Überzeugungsarbeit mitgegangen war und sie misstrauisch alles um sich herum anschaute und niemand genau wusste, wann sie aufstehen und gehen würde, ereignete sich eine fast vollständige Verwandlung in Sarah Lea.

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Nämlich als bei Dvoraks Symphonie aus der Neuen Welt im zweiten Satz das Englisch Horn mit dem Thema begann.

Wie gebannt starrte sie auf die Bühne, dorthin wo diese Töne herkamen.

Sie schien ganz in diesen Tönen aufzugehen, vollständig eins mit diesen Tönen zu werden, mit ihnen zu verschmelzen.

Als der Satz zu Ende war, drehte sie sich langsam zu ihrer Mutter um, schaute sie wie aus einer anderen Welt an, zeigte mit dem linken Arm auf die Bühne und verkündete laut und deutlich: „Das“.

Oboe wider Willen

So fand Sarah Lea ihr Instrument.

Sie schon.

Nur alle anderen – der Hausarzt, die Schulärztin, der Klassenlehrer, die Musikschule, der dortige Oboen- und Englisch Hornlehrer, die alles besserwissende musikalische Seite der Verwandtschaft – fanden das nicht.

Was Sarah Lea nicht störte. „Oboe und Englisch Horn,“ sagte sie. „Nichts anderes!“

Der Hausarzt hielt es wegen ihres Infektasthmas für viel zu gefährlich.

Die Schulärztin der Freien Waldorfschule, auf die Sarah Lea ging, empfand es hinsichtlich der Konstellation ihrer Sternzeichen und der Bedeutung der Oboe im Weltganzen (vom Englisch Horn ganz zu schweigen) als unpassend.

Der Klassenlehrer empfand als die im Rubikon viel zu problematische Tendenz des Oralen.

Die Musikschule, da sie scheinbar keinen subventionierten Platz hatte, hielt es für ausgeschlossen.

Der dortige Oboenlehrer, der sich, da er nicht zuvor gefragt worden war, zeigte sich als pikiert und schob physische Gründe als Ablehnung vor.

Und die Verwandtschaft wusste natürlich wie immer alles besser.

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Sarah Lea antwortete auf sämtliche Ratschläge lapidar mit: „Oboe und Englisch Horn, nichts anderes.“

Es war nicht einfach mit ihr, aber meistens spannend.“

Wie die Geschichte endet, liebe Leser, erfahren Sie nächste Woche.

Herzlich
Ihr Klaus Fessmann