Trommeln

Die Trommeln und der Feminismus

Liebe Leserschaft,

weiter geht es mit meiner Geschichte über die scheinbar normale Familie Clement, zunächst aus der Sicht des ebenfalls im Haus wohnenden Immigranten Abdullah:

„Afrikanische Musik war immer in erster Linie für den Jazz wichtig gewesen.

John Coltrane und Miles Davis brachten das Bewusstsein und alle Schlagzeuger, von Art Blakey über Elvin Jones bis zum Cream-Rocker Ginger Baker, lernten dort.

Afrikanische Musik war immer Ritus, Kult – das war im Westen mit der eigenen Musik längst nicht mehr so.

Westliche klassische Musik war immer nur etwas für das gehobene, gebildete Bürgertum, oft eine reine Demonstration der Macht. Aber dazu später mehr.

Trommeln

Abdullah Ibrahim kam aus einer alten afrikanischen Stammestradition und war aufgewachsen in einem kleinen Dorf, welches – würde man auf es schauen – aufgebaut war wie ein menschlicher Körper.

Herz, Lunge, die pulsierenden Versorgungsstationen, die Vorratskammern, die Entsorgungsbereiche, die Kommunikation, das Denkzentrum, alles hatte hier seine klare Ordnung und den jeweils festen Platz.

Eine Ordnung, die sich über viele Jahrhunderte herausgebildet hatte, die alle sozialen, religiösen und menschlichen Beziehungen bestimmte.

Und die sich immer in den Rhythmen des gesamten Lebens, des Lebens außerhalb der Gestirne, der Rhythmen der Jahreszeiten, der Rhythmen von Krankheit und Gesundheit, der sogenannten natürlichen, da in der Natur erkannten und daraus abgeleiteten Ordnung abspielte.

Der tägliche Rhythmus

Musik wurde im Grunde immer gemacht: Beim Kochen, Arbeiten, Essen, beim Tanzen, Gehen, Erzählen, beim Beten. Immer war es der Klang, der Rhythmus, der dies bestimmte, die Musik, die der wichtigste Teil dieser Bereiche war.

Abdullah Ibrahim hatte schon als kleines Kind stundenlang den Trommlern die Weidenruten zugeworfen, mit denen diese so lang auf die Trommeln schlugen bis sie abbrachen und durch neue ersetzt werden mussten.

Hier hatte er alle Rhythmen gelernt, das ganze komplizierte System der afrikanischen Musik.

Trommeln

Die 7er gegen die 11er, die 5er gegen für uns ganz undefinierbare Betonungsfolgen.

Und dies wurde stundenlang, manchmal tagelang, nächtelang durchgespielt.

Es hatte eine wichtige Bedeutung im Rhythmus des Lebens und bewegte sich immer hinein in ekstatische Zustände.

Dies war die selbstverständliche Ausdrucksweise des Untermieters Abdullah Ibrahim.

Der Feminismus und die Fremde

Durch die Untätigkeit, zu der er gezwungen war, durch das ungewohnte Essen, das völlig unrhythmische Leben, welches er hier wahrnahm, geriet er nahezu völlig außer Kontrolle.

Als Julia Andrea ihm die Trommeln brachte, blühte er nach und nach auf, knüpfte an die Ordnungen seines früheren afrikanischen Lebens an, spürte in allen Zellen und Fasern seines Körpers täglich mehr die Vibrationen und Schwingungen seines dortigen Lebens.

Julia Andrea nahm ihn eines Tages mit auf eines der Treffen ihrer Trommelgruppe, einer sogenannten elementaren Frauengruppe, die als Ausdruck ihrer Power und gleichzeitigen femininen Sensibilität das Trommeln entdeckt hatten.

Trommeln

Meistens gerieten diese Rhythmus-Orgien nur zur martialischen Demonstration des eigenen radikalen Ausdruckswillens und waren, stampfend und wütend auf die Trommeln einprügelnd, unglaublich laut.

Es war schon eine ungeheure Leistung Julias, die anderen Mittrommlerinnen dazu zu bewegen, ihren ausgeprägten Feminismus etwas zurückzustellen und dazu bereit zu sein, von Abdullah Ibrahim die klangvolle Feinheit der Trommelsprachen zu erlernen.

Abdullah Ibrahim fühlte sich wohl in solchen Sessions.

Nur in dieser neuen Gruppe war er von Anfang an völlig erstaunt, dass man auf eine Trommel so einprügeln konnte, wie ein Teil des Ensembles dies geradezu mit grimmiger Überzeugung vollführte.

Als er erklärte, sie müssten das Fell lieben, fühlen, den Rhythmus in den Lenden vibrieren lassen, „just to make love“, kam es zum Eklat, drohte ihm von einigen Mitgliederinnen des Ensembles die Kastration.

Ein Vorhaben, das die anderen gerade noch verhindern konnten.

Abdullah Ibrahim stand dem Vorgang völlig verständnislos gegenüber – weibliche Wesen dieser Art waren ihm in seiner Heimat nicht begegnet.

Der Konflikt artete aus: Von Chauvinismus, weiblichem Faschismus, Intoleranz, männlichem Größenwahn, schwanzgesteuertem Untier, Rückfall in feudale Systeme war die Rede – wobei von Rede gar nicht gesprochen werden konnte.

Trommeln

Ein wildes Gebrülle, sich gegenseitig Angiften, Niederschreien, wütendes Gegeifer war hier im Gange.

Schließlich blieb ein harter, unnachgiebiger Gegner-Kern von zwei Fundamentalfeministinnen übrig, die ohnehin langfristig vorgehabt hatten, eine Punk-Band zu gründen und hier auszusteigen.

Zwar war dies erst für später angedacht gewesen, aber „was sein muss, muss sein“, meinte eine der beiden.

Vom Affen jagen

Abdullah Ibrahim begriff überhaupt nichts. Er hatte sich nur beim Zuhören, dem er sich ja nicht entziehen konnte, an seine afrikanische Heimat erinnert gefühlt.

Besonders die Geräusche bei der Affenjagd glichen fast exakt denjenigen, die diese Auseinandersetzung prägten.

Wobei er dachte, dass die Tiere raffinierter mit ihren Lauten umgehen konnten. Die Affen waren äußerst kompetente Gegner und konnten mit allen Mitteln der Färbung ihrer Laute in die Irre führen.

Gerade die Rhythmen ihrer Lautsprache, die sie offensichtlich immer wieder den Stammesrhythmen anpassten, konnten sie perfekt einsetzen.

Sie waren großartig im Gebrauch derselben und sehr ernst zu nehmende kompetente und äußerst gefährliche Gegner.

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Auf dieser Ebene empfand er das Repertoire der musikalischen Auseinandersetzung dieser fundamentalistischen Frauengruppe als erschreckend naiv und oberflächlich.

Immer wieder wurden die Grundregeln der klanglichen Einflussnahmen verletzt, Rhythmen falsch verwendet, Melodien durch falsche Farben beantwortet.

Es herrschte ein völliges musikalisches Chaos, eine umfassende Kakophonie.

„Wie sollte man sich hier in irgendeiner Art und Weise zurechtfinden?“, fragte er sich.

Im Urwald hätten bei einem solchen Verhalten klanglicher Un-ART die Affen schon längst gesiegt.

Abdullah Ibrahim war zutiefst enttäuscht, nachdem ihm klargeworden war, in welche primitive Kultur er geraten war.

Das konnte doch nicht der goldene Westen sein. Deutschland, das Land seiner höchsten und wunderbarsten Träume, die beste Kultur, die entwickeltste Technik, der höchste Lebensstandard?

Und nun das – ein völliges klangliches Chaos!

Schon wieder der falsche Klang

Julia Andrea, nicht gebrochen, höchstens wieder einmal desillusioniert, hatte ihn schließlich wieder nach Hause gebracht, ihn auf dem Weg im Auto versucht, den Vorgang zu erklären.

Er begriff wenig davon, verstand nicht, warum man über ein solches Thema so streiten konnte und spielte dabei auf einer Bongo einen leicht pulsierenden, fein ins Ohr sich einschmeichelnden 6er, der regelmäßig mit einem 7er wechselte.

Das hielt ihn lebendig – und machte Julia Andrea nervös.

„Ob er nicht aufhören könne?“, meinte sie.

„What?“, fragte er, nichts verstehend.

„Mit dem Trommeln, es macht mich nervös“, erwiderte Julia Andrea.

„But its better for driving,“ meinte Abdullah Ibrahim, „you’re always in time und you get very relaxed.“

„I never get relaxed,“ schrie Julia Andrea genervt und Abdullah Ibrahim hörte sofort auf zu spielen, nachdem er den Klang dieser Stimme gehört hatte.

„Again the wrong sound,“ dachte er.

Trommeln

Zu zweit, aber doch allein

Julia Andreas Situation war nicht einfach.

Ihr Nervenkostüm zur Zeit, und das schon seit langem, ziemlich dünn.

Irgendwie alleinerziehende Mutter eines zweijährigen Sohnes, der, wie gesagt auf den Namen Kasimir hörte, wohnte sie noch in der alten Studenten-WG.

In dieser bewohnte der Vater von Kasimir auch ein Zimmer, das Verhältnis der beiden, welches niemals durch ein amtliches Schreiben offiziell geworden war, hatte sich jedoch in der letzten Zeit immer mehr abgekühlt.

Warum wusste sie nicht genau.

Seit sie ihr Referendariat angefangen hatte, empfand der Vater von Kasimir die Erziehung von ihm nach vorhergehender Euphorie als immer größer werdende Belastung.

Schließlich verweigerte er sie komplett, da er sich als Lang-Zeit-Studierender der Sinologie nicht mehr auf die Bewältigung des Studiums konzentrieren könne.

Seitdem und nachdem sie ihn als opportunistischen Traumtänzer bezeichnet hatte, konnte man kaum mehr von einem Verhältnis sprechen.

Trommeln

Auch wenn er sich seit einiger Zeit intensiv mit chinesischer Musik beschäftigte und vorhatte, über das Verhältnis von Geist und Materie in der chinesischen Philosophie in Bezug auf die Musik zu promovieren, was sie aus mehreren Gründen interessierte, schien dies nicht mehr viel mit dem zu tun zu haben, was ihre bisherige Beziehung ausgemacht hatte.

Im wesentlichen finanzierte sie im Moment das nicht-existierende Familienleben.

Seine zwei bis drei Gitarrenschüler, die er unterrichtete, trugen wenig zur Haushaltskasse bei, sie reichten knapp für Zigaretten und den obligaten Rotwein.

Ein Klavier im Vietnam?

Julia Andrea war in der zweiten Stufe ihres Referendariats richtig heftig ins pädagogische Trudeln geraten.

Eine Grundschule mit über 85 % Schülern mit Migrationshintergrund, wie man den Ausländeranteil heute zu bezeichnen hat, war angesagt.

Dies bedeutet, dass durchschnittlich zwei deutsche Kinder in der Klasse waren oder sind.

Das Ganze war irre anstrengend, zumal die Grundschule in einem Stadtbezirk lag, der als sozialer Brennpunkt ausgewiesen wurde.

„Brennpunkt“ – auch wieder ein amtsdeutscher Begriff, der höflich umschreibt, dass hier die Hölle los ist oder der Punk abgeht, wie Samuel sagen würde.

Grundschule im sozialen Brennpunkt mit 85 % Kindern mit Migrationshintergrund – so wäre der offizielle Titel.

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Über das Kollegium wird meistens geschwiegen. Und pädagogische Konzepte gibt es von offizieller Seite sowieso nicht.

Das zumindest hatte Julia erstaunt. Nicht erstaunt hatte sie, dass die 50 deutschen Volkslieder, die sie in ihrem Studium bei ihrer Abschlussprüfung auswendig parat zu haben hatte, hier nicht anzubringen waren.

50 deutsche Volkslieder, vom Frühtau zu Berge bis zum Änchen von Tharau, waren alle nicht anwendbar. Völlig sinnlos.

Und Noten konnte ohnehin niemand und als sie Klavier spielte, lachte die ganze Klasse.

Als sie in der Pause eine Kollegin ansprach und diese salbungsvoll antwortet: „Kindchen, haben Sie schon einmal im Vietnam oder in Südanatolien ein Klavier gesehene oder ge-hört?“, begann ihr langsam ein Licht aufzugehen.

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Es war vergleichbar mit dem Effekt als sie das erste Mal chinesische Musik gehört hatten. Ein einhelliges Gelächter war die Folge, jeder zog die Augen zu Schlitzen auseinander und ahmte es à la Otto mit „Honda, Honda, Kawasaki“ nach.

Dazu kam, dass die Jungs der dritten und vierten Klassen immer gewalttätiger wurden.

Die Gang-Kultur oder besser die Gang-Un-Kultur begann sich immer umfangreicher auszubreiten.

Und Jungs aus den arabischen Staaten lassen sich von jungen modernen Damen ohne Kopftuch, dafür mit Jeans, erst einmal gar nichts sagen. Ansonsten steht ziemlich schnell der Clan vor der Tür.“

So viel für heute. Nächste Woche geht es weiter.

Herzliche Grüße
Ihr Klaus Fessmann