Schweres Metall

Liebe Leserschaft,

wie versprochen führe ich die Geschichte von letzter Woche fort:

„Der dritte Raum im Keller wurde vor Jahren noch als kleines, intimes Saunagelände genutzt.

Dies begann sich schleichend zu ändern: Zunächst wurde das erste Fahrrad, das
blaue Rennrad des Familienoberhauptes, dort abgestellt.

Dann gesellten sich Obstkisten hinzu und Tischchen, die im Wohnbereich überflüssig geworden waren, fanden ihren Platz unter der Dusche. Deren Duschkopf fehlte plötzlich eines Tages, da im oberen Stock im Bad derselbe defekt war.

Und als schließlich Samuel, der sich inzwischen Dollar2 nennt (und auch so ange-sprochen werden möchte) mit dem Schlagzeugspielen begann, fand er das Innere der Sauna als geradezu idealen Raum zum Proben.

Und nachdem die Liegebänke ausgeräumt, der Ofen abgeschraubt und als metallisches Geräuschobjekt verwendet wurde, stellte sie nun die neue Schlagzeugübzelle dar.

Musik

Floß hier früher der Schweiß in Strömen, den die sich steigernde Hitze ausgelöst hatte, und war der Saunaraum einstmals ein Hort des Rückzugs, ein Ort der Erholung, eine kleine Oase des Stressabbaus, der Ruhe, so war es heute ein Platz, der weiträumig gemieden wurde, da Dollar2 offensichtlich beschlossen hatte, das Material auf seine Haltbarkeit, Konsistenz und Ausdauer zu testen.

Heavy Metal

Heavy Metal, schweres Metall, hört sich grundsätzlich schon heftig an und lässt einiges erahnen.

Die Realität jedoch stellt alles in den Schatten.

So wurde zunächst ganz kommod, später vehementer und nach den Interventionen des Schularztes sehr massiv versucht, Samuel die Auswirkungen seines musikalischen Tuns – wobei schon am Begriff Musik sich der erste Konfliktherd entzündete – klar zu machen.

Doch es nützte nichts, gar nichts.

Vernunft und musikalisches Tun scheinen sich in dieser Welt, dieser Kultur auszuschließen.

Nachdem er sogar, intelligent wie er war, hochkarätig mit dem Philosophen Kant provozierte und den Spruch „Nichts hören trennt den Menschen von den Menschen“ in den Ring warf, waren die meisten Mitglieder der gelegentlich zusammentretenden Familienkonferenz ziemlich ratlos.

Wie man mit einem so radikalen Individualismus umgehen sollte, entzog sich den normalen Beurteilungskriterien.

Musik

Nachdem unsere Jüngste als Antwort darauf den Grönemeyer-Song „Ihr Mann muss ein Bass-Mann sein“, ein Song über ein gehörloses Mädchen, vor sich hinsang, drohte die Situation zu eskalieren.

Erst der aus Erhards Zimmer im stampfenden Rhythmus tönende Heile-Welt-Jodler brachte nach und nach jeden zum Lachen und löste die Verkrampfung.

Zu was die Musik fähig ist – Provokation, Ausgleich, Harmonisierung, Abgrenzung, Balsam für die Seele – im Grunde der reine Wahnsinn.

Die gekachelte Kathedrale

Der vierte Keller-Raum beherbergte ausschließlich die Heizung und alle damit zusammenhängenden Versorgungseinheiten, den Warmwasserkessel, den Heizkessel, den Brenner. Dazu kamen noch alle Gartengeräte, die nirgendwo anders abstellbar waren.

Betritt man den Raum im Sommer, ist es völlig still dort.

Noch hat sich niemand zum E-Gitarre-Üben eingerichtet, dazu ist das Ganze sicherlich zu wenig einladend – wobei dies wahrscheinlich wieder kein ausreichender Grund ist – und er ist definitiv zu klein.

Auch das Cello-Üben kann hier nicht stattfinden, wobei Johanna Franziska Cosima, die zweitälteste der Töchter jüngst erzählte, dass an der hiesigen Musikhochschule wegen der Raumknappheit die Studierenden zum Geige-Üben auf den Toiletten gezwungen sind.

Die Akustik der ge-kachelten Räume, meinte sie, ist im Grunde eher perfekt für die SängerInnen. Die Tenöre speziell hätten einen weiteren Resonanzraum und jeder würde sich wie in seiner eigenen Kathedrale vorkommen.

Musik

Welch ein Gefühl, sinnierte sie mit jenem ironischen Unterton, den sie sich in den letzten Jahren angewöhnt hatte.

Vom Leben einer Ästhetin

Johanna Fransziska Cosima hatte sich in eines der Zimmer unter dem Dach zurückgezogen und führte, ganz auf der Basis und mit dem sicheren Rückhalt der Familie ein ungewöhnlich empfindsames und empfindliches Seelenleben.

Typisch für sie waren die wehenden Seidenschals, meistens in blass-rosa, die Eurhythmieschuhe und die wehenden Kleider. Das von ihr am häufigsten genutzte Bad im obersten Stock roch bevorzugt nach Calendula oder anderen Weleda-Badezusätzen.

Zudem hatte sie sich in der Küche eine eigene Ecke eingerichtet, in welcher – weit weg vom familienüblichen Kaffee – feinste, empfindlichste Kräutertees in geruchsresistenten Dosen lagerten.

Selbstverständlich war sie Vegetarierin mit einer ausgesprochen starken Tendenz zum Veganertum. Schon der Anblick von Wurst- oder Fleischwaren war für sie unerträglich und verursachte bei ihr Übelkeit.

Nahm sie auf ihrem Weg in die Stadt eine Metzgerei oder, wie es heute heißt, ein Fleischerfachgeschäft wahr, wechselte sie die Straßenseite und hielt den Atem an, um auf keinen Fall vom Geruch tangiert zu werden.

Aus diesem Grunde gab es in der Küche inzwischen auch zwei Kühlschränke und die gemeinsamen Essen waren in den letzten Jahren sehr problematisch geworden.

Johanna Franziska Cosima ging auf die Waldorfschule und besuchte dort die Oberstufe, nahm Cello-Unterricht bei einer rumänischen Kapazität an der örtlichen Musikschule und spielte in mehreren Orchestern.

Musik

Wagnerianismus

Ihre Welt war diejenige der klassischen Musik, sie liebte Bach, verehrte Mozart, schätzte und fürchtete Beethoven gleichermaßen.

Seit dem vergangenen Sommer bezeichnete sie sich vorsichtig als Wagnerianerin. Sie hatte in Bayreuth an einer Orchesterakademie teilgenommen und mehrere Aufführungen im Festspielhaus auf dem Grünen Hügel besucht.

Sie hatte den Tannhäuser in der Pariser Fassung und in der etwas biederen, aber ästhetisch sehr schönen Inszenierung von Wolfgang Wagner gesehen und gehört.

War sie nach dem ersten Akt noch skeptisch gewesen, so hatte der zweite Akt ihr Interesse schon sehr gesteigert und beim dritten Akt, als die Pilger aus Rom zurückkamen und auf der Bühne im Forte-Fortissimo ihren Dank verkündigten, war sie vollständig überwältigt.

Musik

Tränen überströmt saß sie inmitten der wagnerischen Anhängerschaft (zum überwiegenden Teil ältere reiche Amerikaner auf eher klapprigen, notdürftig gepolsterten Holzklappstühlen) und fühlte sich eins mit der unvorstellbaren Kraft dieser Klänge.

Sie war eins mit der Welt und dem Kosmos, spürte in sich den Dom des Seins und fühlte sich vollständig verstanden.

So ist es, dachte sie, diese Momente sind festzuhalten, für immer und ewig.

Das ist erfühlte und erfüllte Innerlichkeit, das ist Leben in seiner göttlichen Kraft.

So tönt es immer, im Himmel und auf Erden gleichzeitig.

Das familiäre soziale Gewissen

Kehren wir zurück in den Kellerbereich. Zur Zeit des Hausbaus war es steuerlich bedeutend gewesen, eine sogenannte Einliegerwohnung einzufügen. Diese wurde steuerlich gefördert, kostete nicht viel mehr und konnte vielfältig genutzt werden.

Seit einigen Monaten wurde diese Einliegerwohnung von Abdullah Ibrahim aus dem Senegal bewohnt.

Johanna Franziska Cosima bezeichnete dies als die Beruhigung des familiären sozialen Gewissens.

Die Miete wurde unregelmäßig bezahlt, da er natürlich keine Arbeitserlaubnis hatte. Er war ein politischer Flüchtling und hatte um Asyl angesucht.

Das Verfahren, kompliziert genug, lief oder ruhte – man verstand dies alles nicht genau.

Er war, wie gesagt, so etwas wie das soziale Gewissen der Familie und wurde von fast allen gehegt und gepflegt.

Er arbeitete intensiv daran, die deutsche Sprache zu beherrschen und verstand schon einiges. Nur das Sprechen war sehr schwierig für ihn, alles andere natürlich auch.

Die Familie, Ehefrau, Kinder, Verwandtschaft waren nach wie vor in Afrika – ob sie ihm jemals folgen können, war unsicher.

Musik

Er war ein begnadeter Trommler.

Julia Andrea, die Mutter von Kasimir, hatte ihm, kurz bevor Samuel ihm den Heavy-Metal-Sound nahebringen konnte, Congas, Tablas und Bongos aus der Grundschule mitgebracht, an welcher sie ihr Referendariat ablegte.

In der dortigen Asservatenkammer gammelten diese Instrumente, wahrscheinlich in den 70ern von einem Alt-68er Musiklehrer kurz vor der Erteilung des Berufsverbots angeschafft, vor sich hin.

Sie waren verstaubt und verdreckt gewesen, die Felle teilweise gerissen und kaputt, aber es waren einmal wunderschöne Instrumente gewesen.

Love and Harmony

Die Tablas erinnerten an indische Musik, eine Musik die von den Beatles ins Bewusstsein gebracht wurde.

George Harrison reiste zu Ravi Shankar nach Indien, auf der Seargents Peppers kann man dem Erleben nachhören. Meditation, Räucherstäbchen und indische Musik prägten eine ganze Generation.

Bei Konzerten von Carlos Santana Anfang der 70er-Jahre saß immer der Guru Mahareshi mit langem wallenden Bart auf der Bühne. Bevor ein Ton erklang, wurde erst mindestens 30 Minuten meditiert.

Santana mit kurzen Haaren und weißem Anzug, genauso wie John McLaughlin, der dabei war.

Und auf der Fläche vor der Bühne saßen auf dem Boden einige Tausend Zu-Hörer, Dazu-Meditierer und Zu-Schauer und rauchten friedvoll und glücklich Marihuana aus großen Pfeifen.

Musik

Anfang der 70er fragten die grünuniformierten Herrn noch nach der Marke des Tabaks, der so wunderbar roch und das Bild der Sporthalle prägte sich ein, wo die Abendsonne kaum mehr die Rauchschwaden durchdrang und das riesige Schild „Rauchen verboten“ an der gegenüberliegenden Wand schwer zu erkennen war.

Santana hatte Südamerika, Jamaika ins Leben gebracht. Seine zweite LP „Abraxas“ ist nach wie vor irre.

Nicht nur, weil damals alle Hesse lasen und Abraxas die Vertonung des Demian ist und der wiederum die literarische Realisierung von C.G.Jungs Psychoanalyse.“

So viel zur Familie Clemens für heute. Nächste Woche geht es weiter.

Herzliche Grüße
Ihr Klaus Fessmann