Mozart

MozArt III

Dies übte ich von Kindheit an und wenn ich heute an den Flügel komme, greift die linke Hand einen Dreiklang und spielt die Albertibässe, setzt eine Melodie hinzu, öffnet den Flügel, entfaltet den Klang, ist unerbittlich mit mir, zeigt mir meinen Zustand: Üben, heißt es meistens, geh üben, wie kannst Du die Finger so ungenau nacheinander auf die Tasten bringen, welche Nachlässigkeit!! Und ich setze immer wieder alles dran, den Zustand zu verbessern, übe beim Zugfahren in der Luft die Albertis, auf der Tischplatte, während die KollegInnen sich die Probleme um die Ohren hauen übe ich die Albertis, im Raschhofer* beim Abendessen übe ich nebenher die Albertis, sie sind ein Gradmesser für meine Wahrnehmung, mein IchSein in meinem musikalischen Hier-Sein.

Die Tre Balli-Graphik, aus 12 verschiedenen Gläsern in den Rahmen gebaut, die Zusammensetzung von eigentlich Nichtzusammenfügbarem zeigend, das Werk, welches ich im Jänner frühmorgens, in Decken verhüllt ins Geburtshaus in der Getreidegasse trug, nachdem ich das Auto am Makartplatz vor dem Wohnhaus abgestellt hatte, war einer der Höhepunkte dieser Entwicklung.

Mozart

Nur hauchdünn stehen die Spitzen des Rahmens, welcher ein auseinandergezogenes M zeigt und die Gläser mühsam hält, auf dem Boden, sie berühren ihn eigentlich nicht, verflüchtigen sich im Berühren, so wie die Musik von W.A.* dies für mich immer getan hatte, flüchten im Standhalten und Prägen. Und das nun dreifach übereinandergelagert, das Menuet*, der Kontertanz* und der Deutsche*, 3/4-Takt, 2/4-Takt und 3/8-Takt, am Ende sind sie alle zusammen da. Und dazu noch gesungen und getanzt.

Musikalische Grenzen sprengen

Hier musste ich weiter hören lernen, zuhören, geriet das Gewusste zur Sucht, wollte ich die Grenzen des Klavierspiels sprengen. Neurologisch begründet kann ich musikalisch 8 Vorgänge gleichzeitig hören, verfolgen und selbst realisieren. Dies musste erlebt, gefühlt, wahrgenommen sein, am Instrument, auf die Tasten gelegt werden. Ich begann zu experimentieren, schnitt die Szene der drei Tänze auf eine Cassette für den Recorder, bis dieselbe voll bespielt war und das Gerät auf endlos gestellt werden konnte (CDs gab es damals noch nicht).

Dies hörte ich mir zuerst im Auto an, dann zu Hause neben der Arbeit. Wie so nach dem Viva la Liberta* mit allem Pomp die Ösen gerade noch halten, die beiden Zwischenkadenzen mit dem Maestro und seinem Leporello, beginnt das ruhige Pulsieren daa da da da da da–ia…. des Menuetts wie aus dem Nichts über den Albertibässen auf der Grundlage des Cembalos, in G-Dur, in der genauen Struktur der Vier-Taktigkeit, dort wo man atmet, die Luft zum Überleben benötigt, der 3er des Walzers, den die Donna Anna und der Don Oktavio* auf der Bühne tanzen, der Don Juan die Zerlina* hinzunimmt und am Schluss der Leporello den Masetto* über die Bühne rhythmisiert.

Mozart

Das Einzelne im Ganzen hören

Gleichzeitig drei Taktarten, drei Stücke, gleichzeitig wollte ich dies hören, gleichzeitig meine Wahrnehmung steigern, mein Bewusstsein verändern, erweitern, gleichzeitig das Einzelne im Ganzen hören, gleichzeitig dies Spielen können auf dem Klavier, das Einzelne und im Ganzen. Ich verbog mir die Finger, wütete im Flügel und zog mich an das große Schreibbrett zurück, welches in meinem Arbeitszimmer zwischen Ablageschrank und Bücherregal stand, so eng und knapp, dass ich gerade hin und her wippen konnte, hinten aufgefangen durch den Schrank, vorne abgefangen durch das Brett.

Ich wollte aufschreiben was ich hörte, meine eigenen Zeichen für das finden, was sich in meinem Bewusst- und Unterbewusst-sein tat. Ich ließ die Kassette endlos laufen, hörte mich hinein in die Vielfalt der klanglichen Ereignisse, war gegen 1 Uhr früh nach 12 Stunden Unterricht in einem Zustand zwischen Wachheit und Schlaf, wippte hier wie beschrieben zwischen den beiden Möbeln hin und her und begann, in diesem Niemandsland des klanglichen Seins diese Tanzszene, die ununterbrochen ertönte, immer mehr zu verstehen, immer mehr zu begreifen und alles was ich spürte, fühlte, was meinen Körper und meinen Geist in dieser Sinnlichkeit, dieser Sinnhaftigkeit durch-strömte, schrieb ich in diesem sich immer mehr steigernden Zustand auf die Transparentblätter, die Folien, die Gläser, die um mich herum lagen.

Mozart

Schließlich, so gegen 4 Uhr früh war ich erschöpft und immens bereichert zugleich und konnte mich nicht mehr auf den Füßen halten. Ich legte mich für den Rest der Nacht ins Bett im Wissen, diese Szene in ihrer Komplexität begriffen zu haben, auch im Bewusstsein, dies mit meinen Händen am Klavier in meinem jetzigen Bewusstseinszustand noch nicht spielen zu können, den Schlüssel in meinem Kunst-Werk-Objekt aber gefunden zu haben, um diese Bereiche zu erreichen.

Ich wiederholte in den nächsten Tagen diese Arbeitsweise jede Nacht und als ich schließlich in der letzten Nacht gegen 1 Uhr fertig war, mich erschöpft ins Bett legte, war ich genötigt, dasselbe schleunigst wieder zu verlassen. Denn: 5 Stunden später wurde mein Sohn Malte geboren.

Mozart und die Motivation

Die Ausstellung Mozart in Art, welche neun Monate dauerte, sahen knapp 3 Millionen, wie mir später mitgeteilt wurde, wahrscheinlich zu 80% Japaner. Mozalt fol evel*. Eigentlich ganz schön, sagen zu können: Meine Werke wurden schon von Millionen gesehen, oder?

Mozart

Später spielten Fried, Manne und ich* im Januar bei knapp 4° (noch plus), aber verdammt kalt in der Kollegienkirche* mit den Steinen. Eigentlich gewerkschaftlich verboten bei dieser Temperatur, alle fluchten und forderten die Heizung. „Auch der Wolferl spielte hier bei 4 Grad,“ erklärte der Küster, niemand brachte mehr die Gewerkschaft ins Spiel. Hier war er wieder, der Amadeus. Zeigte seine Spuren, ließ den Klang durch die Gewölbe sich verteilen, fein kam er zurück, wie wenn er anknüpft an diverses Ruhiges, Bekanntes, Ewiges. Der Boden begann mit den Steinen zu klingen, ließ die Säulen resonieren, der Raum erfüllte sich im Vibrieren. Was sind da 4°? Nichts und unwichtig.

Heute bemüht man sich, im Mozartjahr*, werbetechnisch gaghaft, Mozartfreie Zonen zu definieren. Ein Schmarrn, was soll das, Ihr müsst Mozart vorschreiben, einfordern, er, seine Musik ist es, die entlarvt, die ganzen Schmuddelhorden, die Warmduscher der Claydermannfraktion, die die Nachtmusik verhunzen und die in die Wüste geschickt zu werden haben oder im Königssee versenkt.

Mozart

Diese Musik kann, wie alle Musik missbraucht werden und man ist nahe dran, dies auch diesem Werk anzutun. Hier benötigt man die Kompetenz aller, die ähnlich denken. Noch behaupte ich, dass Musik nicht lügt und bei Mozart kann niemand bluffen, schauspielern, das hörst Du sofort, wenn einer „Schrott“ spielt, dort kann sich niemand verbergen, niemand lügen. Er ist so etwas wie der Lügendetektor der klanglichen Ästhetik, welche unter anderem die Globalisierung als Orientierung dringend benötigt, da nehm ich auch den Likör, die Kugeln, den Wein, den Schnaps, die Schränke oder was es sonst noch gibt in Kauf.

Mozart und die (Klang-)Steinmusik

Mehr ist vorläufig nicht zu sagen, besser man spielt. Was ich möchte, ist wieder genügend Zeit zu haben um Mozart zu üben, genügend Zeit zu haben, um die Albertis endlich richtig und gleichmäßig zu ordnen. Ein Kastilien der Ästhetik, welch eine Vorstellung!! Ein professorales Freijahr hätt‘ ich mir da schon verdient, bei all dem, was in den letzten Jahren meinen Ohren angetan wurde. Wieder einmal, trotz E-Mail und Datenautobahn die Zeit haben, über einen einzigen Ton einen ganzen Tag nachzudenken und ihn dann zu spielen. Welch ein Luxus, sagen die einen, welch eine Notwendigkeit, sage ich.

Mozart

Seit damals denke ich die Idee weiter, den steinernen Gast des Don Juan mit meiner Steinmusik zu verbinden. Heute würde Mozart, und davon bin ich spätestens nach dem Don Juan überzeugt, auch KlangStein spielen, so wie der Komtur als steinerner Gast singend am Ende auftaucht, ist dies kein Zweifel. Vielleicht spiele ich deshalb Stein, weil ich dies bei Mozart gelernt habe, in den steinernen Resonanzhöhlen der möglichen resonierenden Wiedergeburten, den alten spanischen Mythen des Mönches Tirso de Molina, der den Don Juan schuf. Wahrscheinlich ist dies für mich ein Teil der verordneten Mozart-Kompetenz, diesem lebenswichtigen Tun.

Vor einigen Jahren klopften die Linzer* an und ich erzählte die Geschichte. Von Salzburg über Linz in die ganze Welt. So denke ich diese Oper gerne weiter, zusammen mit dem Wolfgang.

 

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Register:

  • Raschhofer: war in der Zeit, in welcher ich in Salzburg wohnte, meine Stammkneipe.
  • A.: Abkürzung für Wolfgang Amadeus
  • Menuet: Ist der höfische Gesellschaftstanz des Barock und der Wiener Klassik. Er basiert auf dem 3/4 Takt und hat eine klare 4-, 8-taktige Ordnung. Mozart unterrichtete in seinem Kompositionsunterricht in erster Linie das Komponieren von Menuetten.
  • Kontertanz: Der Kontertanz oder Kontratanz kommt aus der englischen Tradition, basiert auf einem 2/4 Takt und ist harmonisch-melodisch sehr einfach und eingängig gebaut.
  • Deutsche: Der Deutsche ist ein Tanz auf der Basis des 3/8 Taktes und eine Verbindung von höfischem, gesellschafts- und Volkstanz.
  • Viva La Liberta: Vor der Tanzszene mit den drei erwähnten Tänzen begrüßt Don Giovanni die Gäste, die alle Masken aufhaben, mit den Sätzen: „È aperto a tutti quanti; viva la libertà“ – „Willkommen liebe Gäste, hoch lebe die Freiheit, hoch!“ Es folgt dann nach und nach eine von allen immer lauter gesungene Partie des Viva la libertà! Auf der einen Seite bezieht es sich auf die Masken, auf die Freiheit des Verbergens der eigenen Identität, zum anderen, vier Jahre vor der französischen Revolution war diese Demonstration sicherlich eine Provokation an den Kaiser. Nicht umsonst wurde die Oper, in Prag begeistert uraufgeführt, in Wien sehr unterkühlt angenommen.
  • Donna Anna, Don Oktavio: sind die beiden Protagonisten des Adels in der Oper Mozarts. Sie tanzen deshalb auch in der Tanzszene das Menuet.
  • Don Juan, Zerlina: Don Juan als zwar Vertreter des Adels, dessen Regeln aber kontrapunktieren, tanzt deshalb mit der Bäuerin Zerlina, eine seiner Geliebten, den Kontertanz.
  • Leporello, Masetto: tanzen als Vertreter der niederen Schichten, Diener und Bauer den einfachen Deutschen Tanz
  • Mozalt fol evel: Salzburg hat einen sehr hohen Anteil von asiatischen Besuchern. Auch die Studierenden sind mit fast 70 % aus Asien ein wichtiger und großer Anteil. Deshalb hört man natürlich überall die Sprachen, denen es nicht möglich ist, das „R“ zu sprechen, deshalb heißt Mozart for ever – Mozalt for evel.
  • Fried, Manne und ich: sind die Mitglieder der Gruppe KlangSteine. Wir fingen im Jahr 1997 an, spielten bis 2007 regelmäßig bis zu 30 Konzerten im Jahr, in den letzten Jahren nur noch selten, da die Honorare auf dem Konzertmarkt in unserem Bereich zurückgegangen sind und wir den Transport von ca. 6 Tonnen Steinen kaum mehr finanzieren können.
  • Kollegienkirche: Die Kollegienkirche in Salzburg ist die Kirche der Universität dieser Stadt, stammt aus dem Barock und ist mit Abstand der schönste Klang-Körper. Wir haben mit den KlangSteinen dort legendäre Konzerte gespielt, unter anderem bei einem über meine Arbeit mit den KlangSteinen im Jahr 2003 veranstalteten Symposium der Tutzinger Evangelischen Akademie mit dem Mozarteum in Salzburg. Das erste Konzert bei 4° mit dem KlangSteinTrio und das zweite Konzert am nächsten Tag gegen 11 Uhr mit dem Trio die Uraufführung der Lieder, die ich aus den Gedichten von Peter Härtling komponierte. Er selbst las in diesem Konzert seine Gedichte, gewärmt vom Pelzmantel, der Pelzmütze und einem dicken Schal.
  • Mozartjahr: Gemeint ist das Mozartjahr 1991, anlässlich der 200. Wiederkehr des Todestags von Mozart. Es war mein erster Besuch Salzburgs und das in der morgendlichen Dunkelheit bei Schneetreiben wie im Requiem. Die Ausstellung war sehr erfolgreich, sie ging anschließend 2 1/2 Jahre um die Welt.
  • Linzer: Mit Linz ist die Ars Electronica gemeint, mit deren Mitgliedern ich in Kontakt bin.