Töne in bunten Formen und Farben

Liebe Leserschaft,

ich hoffe, Sie hatten einen angenehmen Start ins neue Jahr 2020, für das ich Ihnen alles Gute wünsche!

Gleich zum Jahresbeginn wurde im Donaukurier ein großartiger Beitrag über mich veröffentlicht, der mich sehr stolz macht und den ich Ihnen nicht vorenthalten möchte.

Stephan Boos gelingt es in seinem Text eindrucksvoll, mein Schaffen und Denken zu illustrieren und auf den Punkt zu bringen:

Töne in bunten Formen und Farben

Mit Klaus Fessmann die Begegnung mit dem ewigen „Gedächtnis der Erde“ erleben

Wenn der Echo-Preisträger seine speziellen Steine in Schwingung versetzt, verlieren sie alle Starrheit

Von Stephan Boos

Es ist ein sanftes Rauschen. Zuerst ganz leise. Ein Sirren. Und Flirren. Und Raunen. Das anschwillt. Zu einem Brausen. Erst langsam. Dann schneller. Und lauter. Ein Beben. Ein Schwingen. Ein Wasserfall aus Tönen. Als entspränge er einer überirdischen Harfe.

Töne, die man so vorher noch nicht gehört hat. Wie aus anderen Sphären. Aus einer anderen Welt. Fremdartig. Und schön. Beruhigend. Berauschend.

Mag es so geklungen haben, als die Sirenen Orpheus – den tragischen Sänger aus der griechischen Mythologie – gleichermaßen wie Odysseus – den Helden von Troja – mit ihrem Gesang zu betören versuchten, als diese mit ihren Schiffen die gefährliche Felsenenge zwischen den Meeresungeheuern Skylla und Charybdis durchsegelten?

Doch hier sind weit und breit keine Sirenen. Und keine Meeresungeheuer. Und trotzdem ist da dieser geheimnisvolle, beinahe mystisch anmutende Klang. Den man nicht nur hören kann. Auch sehen kann, woher er kommt: Eine mit Wasser angefeuchtete Menschenhand gleitet über die schwarz glänzende Oberfläche eines fächerartig eingeschnittenen Steines.

So also entstehen diese geheimnisvollen Töne. Die unsichtbar in der Luft schweben. Sich zu singenden Säulen und Türmen aufrichten. Ja, sich geradezu zu Tiraden emporschwingen. Bestimmt gibt es eine wissenschaftlich fundierte physikalische Erklärung für dieses Phänomen.

Ein bisschen mag man sich dabei erinnern an die Musik der singenden Weingläser, wenn man mit einem nassen Finger kreisförmig über den dünnen Rand des zerbrechlichen Gefäßes gleitet. Hat dieses Geheimnis nicht viele von uns schon als Kind fasziniert?

Töne

Leben ist Veränderung

Wir sind in der Welt der Klangsteine angekommen. Am Anfang war ein Stein. Ein großer grauer Stein. Aus der Schweiz. Aus dem Engadin. Ein Serpentinit. Der Stein machte Karriere. Wurde zu einem Klangstein. Der Töne, ja Musik von sich gab.

Die Musik wurde zu Bildern. Die Bilder zu Plänen. Die Pläne zu Häusern. Zu einer ganzen Siedlung. In Freiburg im Breisgau. Benannt nach dem „Concerto Grosso op.6 Nr.5“ von Georg Friedrich Händel.

Die Dinge verändern sich. Die Welt ändert sich. „Leben ist Veränderung . . .“, zitiert dazu Klaus Fessmann. Aus dem Roman „Stein und Flöte“ von Hans Bemmann. Wiederholt den Anfang des Zitats und vollendet es: „Leben ist Veränderung, sagte der Stein zur Blume und flog davon.“

Klaus Fessmann ist der Herr der Klangsteine. Er lässt sie schwingen und klingen. Er ist der Maler, der die zimbelartig vibrierenden Töne zu Bildern macht. Der Architekt, der die Bilder zu Plänen zeichnet. Und am Ende ein Synästhetiker, der zum krönenden Abschluss daraus eine ganze Wohnsiedlung entstehen lässt. In der Menschen leben.

Eine wohl geordnete Ansammlung von Häusern, Straßen und Plätzen. Deren harmonisch anmutende Symbiose und außergewöhnliche architektonische Komposition, – die vielleicht nicht jeder gleich und mancher nie wahrzunehmen vermag – ihn wiederum zu einem ganz außergewöhnlichen Menschen macht.

Ein Eindruck, den man schon beim ersten Besuch im Hause Fessmann gewinnt. Im oberbayerischen Iffeldorf. Unweit des Starnberger Sees. Den Musiker wollte man treffen. Den seit Kurzem emeritierten Professor für Komposition an der Universität Mozarteum in Salzburg. Und wen findet man?

Fast ist man geneigt, ihn als eine Art Universalgenie einschätzen zu wollen. Der in einer facettenreichen Welt lebt. Die sich zusammensetzt aus lauter kleinen Welten. Sich zu einem großen Mosaikbild zusammenfügen: aus Gemälden, Grafiken, ganzen Bilderzyklen an den Wänden, aus Büchern und Notenblättern. Ein geordnetes Chaos mit einem schwarzen Flügel mittendrin. Und immer wieder Klangsteine. Hier wohnen alle Künste. Gehen ineinander über. Und ganz bodenständig prasselt in einem großen gemauerten Ofen im Wohnzimmer ein wärmendes Feuer. Dessen Flammen orangefarben und blutrot flackern. Dabei grobe Holzscheite zu feiner, schwarzen Asche verwandeln. „Leben ist Veränderung“: Der Professor hat Recht.

Farbiges Hören

Das ist unzweifelhaft das Zuhause eines Synästhetikers. Die Deutsche Synästhesie Gesellschaft erklärt uns den Begriff Synästhesie. „Es ist das Resultat einer spezifischen Vernetzung im Gehirn, die relativ selten vorkommt. Nach den jüngsten Studien weisen circa vier Prozent der Bevölkerung mindestens eine Form von Synästhesie auf. Aufgrund der Häufung in Familien wird Erblichkeit angenommen. Das Wort Synästhesie ist abgeleitet von den altgriechischen Wörtern syn (= zusammen) und aisthesis (= Empfinden). Laut Duden die Miterregung eines Sinnesorgans bei Reizung eines anderen. Synästhesie beruht auf zusätzlichen neuronalen Verbindungen zwischen den einzelnen Sinnen.“

So weit zur Theorie. Und wie sieht das Ganze in der Praxis aus? „Manche Synästhetiker nehmen beispielsweise Zahlen farbig wahr. Können Buchstaben fühlen. Oder Worte schmecken. Andere können Töne in bunten Farben und/oder Formen sehen. Farbiges Hören versteht man darunter. Theoretisch kann jeder Sinnesreiz eine synästhetische Empfindung in einem anderen Wahrnehmungskanal auslösen.“

Auf dem Weg hinüber vom Wohnhaus zum einem kleinen Pavillon ähnelnden Ateliergebäude werden wir auch im Freien von Klangsteinen begleitet. Wie schwarze, stumme Wächter stehen sie am Rande des schmalen Pfades. Dann öffnet sich die Tür. Dahinter breitet es sich aus, das Reich des Klangstein-Professors. Fast möchte man meinen, die auf einen einstürmende Fülle an Eindrücken könnte einen förmlich erschlagen. Und urplötzlich trifft einen aus dem geordneten Chaos die erste Klangwelle.

Fessmann hat einen der schwarzen Steine, die jeden freien Platz im Raum einnehmen, vor sich positioniert. Daneben eine mit Wasser gefüllte Schale, in der er seine Hände anfeuchtet. Die so benetzten Handflächen gleiten anschließend über die schwarzpolierte Oberfläche des speziell lamellenförmig gefrästen Steines. Je nachdem, ob und wie Finger und Ballen eingesetzt werden, unterscheiden sich Töne und Lautstärke.

Töne

Als ob der Stein all seine Starrheit verlöre. Als ob der ganze Raum zu pulsieren beginne. „Es öffnet sich das Gedächtnis der Erde“, sagt Fessmann. Es ist eine atemberaubende Berührtheit, welche durch die Musik der Klangsteine ausgelöst wird. Eine Musik, die Spieler wie Hörer geradezu physisch erfasst.

Ein überwältigendes Erlebnis

„Den Augenblick, wenn im Stein zum ersten Mal nach Jahrmillionen durch die Berührung der gewässerten Hände, durch das Ertasten und Spüren mit den verschiedenen Oberflächen des Ballens, der Brücke und der Finger ein erstes Tönen hörbar wird, empfinde ich immer wieder als ein geradezu überwältigendes Erlebnis“, so beschreibt Fessmann den Moment, wenn sich das „Gedächtnis der Erde“ öffnet.

Für ihn sind Steine mehr als nur leblose Materie. Im Stein klinge die Geschichte der Erde und der Menschheit wider – wir müssten nur lernen, sie zu hören. Der Stein als Speicher des Klangs der Welt könne sich uns öffnen. Könne – ohne Druck, dem er über Jahrmillionen im Inneren der Erde ausgesetzt war – zum Klingen gebracht werden. In seinen Forschungen und Recherchen ist Klaus Fessmann weit zurückgegangen in die Menschheitsgeschichte.

Hat dabei erfahren, dass man in der chinesischen Kultur seit langem mit dem Klang der Steine vertraut ist. Die Chinesen spürten den Klang der Steine als eine Form der Erleuchtung. Und in der Tat, den Klang der Steine kann man nicht nur hören. Man kann ihn auch spüren. Was Klaus Fessmann auch gerne demonstriert. Indem er einem eine Klangstein-Massage angedeihen lässt.

Und das geht so: Er lässt einen auf einer Liege Platz nehmen. Auf keiner gewöhnlichen. Auf einer, deren Ruhefläche ebenfalls aus einer Steinplatte besteht. Am Fußende platziert der Professor einen seiner Klangsteine. Und beginnt zu spielen. Man hört nicht nur die Musik. Man nimmt wahr, wie die Schwingungen übergehen auf die steinerne Oberfläche der Liege. Sich von dort aus fortsetzen in den ganzen Körper. Musik und Vibrationen verschmelzen und erfassen einen. Ein bisher ungeahntes und ungekanntes Gefühl der Leichtigkeit und Entspannung.

Zum Abschied verehrt einem der Professor ein Buch mit dem Titel „Klangsteine – Begegnung mit dem ewigen Gedächtnis der Erde“. Darin enthalten ist ganz hinten auch eine CD mit Klangstein-Musik. Ganz vorne ins Buch schreibt er eine kurze Widmung. In der er dem Besucher beim Hören „Viel Ohrenlicht“ wünscht. So hätten auch schon die alten Chinesen das Licht der Erleuchtung genannt, das sich ereigne, wenn die Klänge der Steine im Ohr wahrgenommen und die Sinne in erleuchtende Bewegung versetzt würden.

Töne

Komponist und Klangkünstler

Klaus Fessmann wurde 1951 in Nürtingen geboren. Er studierte Schulmusik und Germanistik, Komposition und Musikwissenschaft in Stuttgart und Freiburg, wobei das Klavier im Mittelpunkt stand. Ab 1997 lehrte er als ordentlicher Universitätsprofessor an der renommiertesten europäischen Musikhochschule, der Universität Mozarteum Salzburg.

Die Musik aus den Steinen entwickelt er seit über 25 Jahren und gibt zahlreiche Konzerte sowohl als Solist als auch mit seinem Sohn Hannes und dem Ensemble Klangstein. Seine künstlerische Tätigkeit umfasst bisher Hunderte nationale und internationale Ausstellungen, Konzerte, Vorträge und Kompositionen. Im Oktober 2009 erhielt das von Klaus Fessmann und Michael Kaufmann ins Leben gerufene Integrationsprojekt ReSonanz & AkzepTanz, das 2004 an der Essener Herbartschule startete, den Echo-KlassikSonderpreis der Jury für Nachwuchsförderung im Bereich der Klassik.

Herzlichen Dank an den Donaukurier und Stephan Boos für die Erlaubnis, den Artikel hier mit Ihnen, liebe Leser, zu teilen!

Herzliche Grüße
Ihr Klaus Fessmann