Die Kieselschule

Liebe, sehr geehrte AbonnentInnen, liebe Freunde,

selten gibt es Begriffe, die so konträr diskutiert werden wie derjenige der MUSIK.

In meinem Skript „…denn weghören geht nicht“, das es leider – oder Gott sei Dank – noch nicht zu einer Soap gebracht hat, wagte ich mich an eine Zustandsbeschreibung, die ich hier zu Beginn in Ausschnitten zitiere:

„Das ist keine Musik“ – Musik als Kriegsschau- und -hörplatz

„Es ist in den letzten Jahren aus der Mode gekommen, über Musik zu sprechen, es wird nahezu ununterbrochen ungeheuer viel Musik gehört. Ihre Anwendung reicht vom einfachen Genuss über den allgegenwärtigen Freund in den Ohr-Stöpseln bis hin zum Allheilmittel für alle Zwecke …

‚Das ist keine Musik‘ ist sicherlich einer der am häufigst verbreiteten Sätze im gesamten umfangreichen Familienleben. Wenn zerhackte Sätze über stampfendem Bass und einem das letzte Mark treffenden kurzen Schlagzeugbeat herumdröhnen, kann sich eine Familie, die durch diese Klang-Orgien erschüttert wird, völlig entzweien …

Wenn aus den Barbie-Puppen von heute auf morgen abgefackelte Punk-Ladies werden, Mozart als tote Musik bezeichnet wird, und die Ohrstöpsel des iPod nur mit größter Mühe und intensivstem Zureden beim Mittagessen herausgenommen werden, geraten die Nervenbahnen in einen permanenten Glühzustand, der sicher nicht als Musik bezeichnet werden würde …

Rationalität, Logik und Vernunft scheinen beim Thema Musik ausgeschlossen zu sein. Mit großer Selbstverständlichkeit werden radikale Vor-Urteile gefällt. Die Hörer der Musik von Richard Wagner als sexuell verklemmte, dem Faschismus verdächtigte Bürgerliche eingestuft. Punk-Fans als destruktives, alle Werte zerstörende Pack bezeichnet.

Opernbesucher als dekadentes, sich selbst zur Schau stellendes und völlig überflüssiges Großbürgertum abqualifiziert. Die Besucher von Rolling-Stones – Konzerten als dem Verrat der 68-er verdächtigte Nostalgiker verurteilt. Die Freunde von indischer Musik als weltfremde Esoteriker abgestempelt. Die Jazzliebhaber als rauchende, Rotwein-trinkende, Jeans und Lederjacken tragende Scharfrichter eingeordnet.

Ergo, man könnte meinen, die Musik sei zu einem Kriegsschau- oder -hörplatz verkommen, auf dem sich jeder in seinen eigenen, persönlichen Schönheitsvorstellungen hörend bewegt und den oder die oder das Gegenüber als inkompetent und die falsche Musik hörend abqualifiziert.“

Die Kieselschule

Für mich ist ein Tag ohne Musik ein verlorener Tag. Deshalb versuche ich das Nicht-Hören, Nicht-Tun zu vermeiden und höre fast ununterbrochen den Klängen zu und nach, die mich umgeben oder die ich erzeuge.

Nada Brahma, die Welt ist Klang, ist der Wegweiser.

Und wenn ich weiterdenke, so ist Musik für mich, wenn ich sie aktiv betreibe, die höchste Form der Schaffung von Beziehung. Es ist Beziehung zwischen Menschen, die Schaffung von Beziehung zwischen Menschen und Materie.

Und hier bin ich beim zweiten Projekt meines Instituts für Weiterbildung, bei der sogenannten Kieselschule.

Kieselschule

Der Kiesel enthält – scheinbar – den reduziertesten Klang, den wir uns vorstellen können. Er, der Kiesel, ist die reduzierteste Form des Steins vor dem Sand, in welcher gleichzeitig aber all die Schönheit des Steins komprimiert aufgezeigt wird.

Der Kiesel ist ein Geschöpf
vollkommen
sich selber gleich
auf seine Grenzen bedacht
genau erfüllt
vom steinernen Sinn
mit einem Geruch der an nichts erinnert

Kiesel lassen sich nicht zähmen
sie betrachten uns bis zum Schluss
mit ruhigem sehr klarem Auge

-Zbigniew Herbert

Kieselsteine gibt es überall in der Natur. Überall dort, wo Wasser, wo Steine sind, wo die ursprüngliche Materie vorhanden ist.

Und natürlich besitzt diese Materie, wie alles in dieser Welt, Klang, hat sie denselben gespeichert.

Kieselschule-Praxisübung

Suchen Sie sich, am besten am Fluss, zwei Kieselsteine. Der eine sollte flach sein, gut in Ihren Handteller passen, nicht größer und nicht kleiner sein.

Der andere sollte ein kleiner Kiesel sein, den Sie mit dem Daumen und dem Zeigefinger in die andere Hand nehmen. Wir nennen dies immer den Klangkiesel und den Klopfkiesel.

Kieselschule

Halten Sie die Kiesel fest in Ihren beiden Händen, kneten Sie sie ein wenig, lernen Sie die Steine durch ihren Tastsinn, die Haptik fühlend erkennen.

Er wird ziemlich schnell die Temperatur Ihrer Hand annehmen, er wird warm, der Kiesel, was so etwas wie die erste Form der Beziehung ist.

Er nimmt Teile Ihrer Lebensenergie an.

In Zeiten, wo es noch richtig große Holzöfen mit einer Bank herum gab, legte man die Kieselsteine im Winter auf den Ofen, nahm sie, wenn man aus der Kälte kam, in die Hand und wärmte dieselbe.

So bekam der Kiesel den Beinamen Handschmeichler.

Als erste Annäherung an den Klang halten Sie bitte den Klangkiesel an einer Ecke desselben mit den Spitzen von Daumen und Zeigefinger.

Halten Sie ihn fest und klopfen Sie mit dem kleinen Klopfkiesel gleichmäßig an allen verschiedenen Teilen des Kiesels.

Es wird nicht sehr befriedigend sein, was Sie hier hören, die Beziehung zwischen dem Stein und der Hand ist zu gering, zu minimal.

Kieselschule

Ich gehe davon aus, dass Sie Rechtshänder sind, dann legen Sie den Kiesel, wie oben dargestellt, in den Handteller der linken Hand, sodass er gut im Handteller liegt.

Das richtige Tempo? – Der eigene Puls!

Umfassen Sie nun den Kiesel mit Ihren Fingern, pressen Sie mit denselben den Stein, öffnen Sie danach nach und nach Ihre Finger, bis sie ganz ausgestreckt sind.

Hier ist es wichtig, die Hand waagrecht zu halten, so dass der Stein nicht herunterfallen kann.

Wiederholen Sie diese Übung als Gymnastik der Finger ganz langsam.

Öffnen – Schliessen – Öffnen – Schliessen …

So oft es möglich ist. Ihre Finger werden es Ihnen danken.

Im folgenden fühlen Sie bitte Ihren Puls, der ja bekanntermaßen ein musikalisch-physikalisches Tempo besitzt. Ein gesunder Puls ist fast gleichmäßig und wiederholt sich, so lange Sie leben.

In der Musik nennen wir das Repetition, Wiederholung. Dieses Tempo ist Ihr Tempo für den Klopfkiesel.

Sie nehmen den Klopfkiesel mit dem Daumen und dem Zeigefinger in die rechte Hand, wie in der Anweisung zur Spielhaltung beschrieben. Nun beginnen Sie, ganz leicht mit dem Handgelenk federnd, gleich- und regelmäßig auf den Klangkiesel zu klopfen.

Kieselschule

Schon jetzt werden Sie die ersten Klänge hören, die ganz anders tönen als die Klänge, die Sie zuvor versucht haben, dem Kiesel zu entlocken.

Eine Vielzahl an Klängen aus der reduziertesten Form des Steins

Wenn Sie jetzt die obige Übung des Öffnens und Schließens aller Finger der ganzen Hand parallel dazu durchführen, werden Sie eine nicht erwartete Vielzahl von Klängen hören, die erst dadurch entstanden, dass Sie eine Beziehung
zwischen Ihnen, Ihrer Hände und dem Kiesel hergestellt haben.

Ich werde in Kürze einen kleinen Film auf meine Website stellen und Ihnen zeigen, dass man mit denselben Mitteln, mit der Veränderung der Fingerhaltung auch „Hänschen Klein“ und andere Ihnen bekannte Lieder problemlos spielen kann.

Also planen Sie schon einmal für Ihre nächste Weihnachtsfeier genügend Kieselsteine ein, um jedem Teilnehmer zwei in die Hand zu geben und die Weihnachtslieder mit Steinen zu spielen, mit Kieselsteinen.

Wir, Manfred Kniel und ich, haben aus diesen Klängen eine Kompositions-Spiel-Schule entwickelt und sie wird seit Jahren in sehr vielen Schulen angewendet.

Kieselschule

Die erste Übung dieser Schule haben Sie gerade gelernt und erfahren, dass jeder dies tun kann, gleich aus welcher Kultur er oder sie stammt, welche Schule auch immer er oder sie besucht und wie die Bedingungen sind, in denen er
oder sie aufwächst oder lebt.

Wir haben die Schule auf drei verschiedenen Bereichen aufgebaut, der aus dem Klang, der Musik und dem Puls, dem Rhythmus, entsteht. Diese Begriffe sind wichtig und jedem verständlich.

Die 3 Bereiche der Kompositions-Schule und ihre Aktivierung der Sinne

Klang & Musik ist das, was wir hören (und sehen) und Puls & Rhythmus benennt das, wie etwas in der Zeit abläuft. Die hieraus bezeichneten 3 Bereiche sind:

  1. Drei Klang-Höhen
  2. Drei Klang-Dauern
  3. Drei Klang-Lautstärken

Mehr gibt es in der ganzen Kompositions-Schule nicht. Deshalb können wir diesem jedem auch vermitteln, es ist wunderbar kommunikativ.

Dazu kommt, dass wir durch dieses Tun drei verschiedene Sinne aktivieren:

  1. Die Optik, das Sehen
  2. Die Akustik, das Hören
  3. Die Haptik, das Tasten

Auch hier gilt die Grundregel: Jeder Mensch, jeder Schüler der Kieselschule, soll, unabhängig von sozialen, musikalischen oder anderen ausgebildeten bzw. nicht entwickelten Anlagen, in der Lage sein, sämtliche musikalische Möglichkeiten umzusetzen.

Die Entwicklung der optischen, akustischen und haptischen Wahrnehmung wird durch Musik in der umfangreichsten Form sinnlich verstehbar gemacht. Das Begreifen muss nicht sprachlich benannt werden, die häufig brachliegende Entwicklung der Motorik wird in Bewegung gesetzt und kommunikative, sinnliche Wahrnehmung gefördert.

Kieselschule

Klang & Pulsation

Fassen wir dies zusammen und schaffen wir die Brücke zur Klang-Heil-Kunst dann halten wir folgendes fest:

KLANG ist den sinnlichen, den psychischen, den ästhetischen Ebenen zuzuordnen und umfasst die Parameter Tonhöhe, Klanglage, Dauer, Klangfarbe, Lautstärke, Artikulation und Materialität.

PULSATION ist dem vegetativen Nervensystem zuzuordnen, sie umfasst die Parameter Atem, Puls, (Blut-)Kreislauf, Gleichmäßigkeit, Regelmäßigkeit, Repetition, Mehrdimensionalität, Komplexität durch u.a. verschiedene weitere Zeitordnungen.

„Und vergessen Sie nicht vom Steine zu träumen“, schrieb Thomas Mann.

Um dem nachzuhelfen, haben wir Die Kieselschule geschrieben und zusammen mit den Kollegen Prof. Dr. Cierpka, Dr. Schick, die das Konzept faustlos entwickelt haben, ein wunderbares Buch geschrieben.

Die Kieselschule
Klang und Musik mit Steinen
Gewaltprävention in Kindergarten und Grundschule

erschienen bei Kösel

Kieselschule

In diesem Sinne
aus der Welt der Kiesel und einem Abschlussspruch:

„Musik hat den Zauber, der eine wilde Brust beruhigt, Steine erweicht und eine verknotete Eiche biegt.“

Herzliche Grüße
Ihr Klaus Fessmann