Ein Anfang mit Klang und Musik II

Die im letzten Newsletter ausgeführten Ansichten über Musik und ihre Deutung aus der griechischen Tradition heraus sind für mich heute immer noch von allergrößter Bedeutung und es ist nach wie vor lohnenswert, mich mit ihnen auseinanderzusetzen, sie kennen zu lernen.

Sie gehen vom sprachlichen Denken/Reflektieren über Musik im Beziehungssystem des Weltganzen auf einem anspruchsvollen Niveau aus. Musica Mundana, Humana, Instrumentalis war kein Gedankengespinst.

Es war ein geniales Beziehungssystem, welches unumstößlich auf der Zahl beruht.

Philolaos:

„Und in der Tat hat ja alles, was man erkennen kann, Zahl. Denn es ist nicht möglich, irgendetwas mit dem Gedanken zu erfassen oder zu erkennen ohne diese.“

Platon:

„…Das erste Produkt ist nämlich die Zahl. Eins selbst, indem sie nach eben diesem Verhältnis zur Zwei fortschreitet, die Verdoppelung von ihr aber bildet sodann die erste Quadratzahl, und ebenso beruht auch die erste Zahl, welche ins Kubische und Körperliche und damit ins Sinnlichwahrnehmbare übergeht, auf der weiteren Verdopplung von dieser, indem sie vermöge dessen von der Eins zur Acht fortschreitet (1:2:4:8 = Oktave)…“

Philolaos:

„Denn erkenntnis-endend ist die Natur der Zahl und führend und lehrend für jeglichen in jeglichem, das ihm zweifelhaft oder unbekannt ist. Denn nichts von den Dingen wäre irgendwem klar, weder in ihrem Verhältnis zu sich, noch zueinander, wenn die Zahl nicht wäre und ihr Wesen. Nun aber bringt diese innerhalb der Seele alle Dinge mit der Wahrnehmung in Einklang und macht sie dadurch erkennbar und einander entsprechend nach des „Zeigers“ Natur, indem sie ihnen Leiblichkeit verleiht und die Verhältnisse der Dinge jegliches für sich scheidet, der grenzenlosen ebenso wie der grenzenbildenden. Du kannst aber nicht nur in den dämonischen und göttlichen Dingen die Natur der Zahl und ihre Kraft wirksam sehen, sondern auch überall in allen menschlichen Werken und Worten und auf dem Gebiet aller technischer Verrichtungen und auf dem der Musik.“

Platon:

„Jede Figur, jede Zahlenverbindung, das ganze System der Harmonie und des Umlaufs der Gestirne muss demjenigen, welcher auf die rechte Weise darüber belehrt wird, als ein einziges und gemeinsames großes Ganzes erscheinen, und es wird ihm so erscheinen, wofern er, dieser Anleitung folgend, dieses Eine beständig als sein Ziel im Auge behält. Denn jedem aufmerksamen Beobachter wird es einleuchten, dass ein natürliches Band alle diese Gegenstände umschlingt.“

Anfang von Musik

Diese Zitate müssen ausreichen, um zu demonstrieren, dass die Zahl die Basis, der Inhalt und die Bedeutung von allem im gesamten griechischen Denken ist.

Kein Grieche wäre auf die Idee gekommen, Musik als Entspannungsmedium zu benutzen – wie ich mir heute oft anzuhören habe. In diesen Zeiten vor unserer Zeitrechnung waren die Meister durchaus in der Lage, ihre Gehirnzellen zu bewegen.

Es ist wichtig, sich klar zu machen, dass sich Musik, die ich als solche bezeichne, sich nicht im reinen Tönen erschöpft.

Und das Hören dieses Tönens ist wiederum eine ganz eigene Welt der Sinneswahrnehmungen der Lebewesen und bei uns Menschen nicht mit dem sprachlichen Hören zu verwechseln!

So ist es in einer Welt, in der die Menschen – wie schon Einstein sagte – nur einen kleinen Bruchteil ihrer geistigen Fähigkeiten nutzen, dringend notwendig mehr über dieses, über die Musica Instrumentalis zu wissen.

Um, wie ich denke, seine eigene Erkenntnis auf ganz anderen Ebenen zu steigern, seine Potentialitäten permanent zu entwickeln, um u.a. nicht diversen Rattenfängern auf den Leim zu gehen.

Denn, so wie Thomas von Aquin schreibt:

„Da die Musik unter den sieben freien Künsten allein den Vorsitz führt, wie Aristoteles schreibt, so ist es die Musik, die in der triumphierenden und streitenden Kirche Gottes wohlgefällig ertönt, jene Musik, welche die Heiligen in ihre Andachtsübungen aufnahmen, durch welche die Sünder Verzeihung erflehen, durch welche die Traurigen gestärkt werden, durch welche die Geistesgestörten Erleichterung empfinden, durch welche die Kämpfenden ermutigt werden.

Denn, wie Isidor im Buch der Etymologien sagt, ist die Schande größer, nicht singen zu können, als von der Wissenschaft nichts zu verstehen, da doch die Heiligen mit den Engeln und Erzengeln, mit den Thronen und Herrschaften und mit der ganzen himmlischen Heerschar unaufhörlich täglich singen: Heilig, heilig, heilig.

Daraus geht klar hervor, dass sie, die Musik, die vornehmste aller Künste und Wissenschaften ist und dass jeder sie in gehöriger Weise vor allen anderen kennen muss.

Und dies lässt sich auch beweisen. Denn keine Wissenschaft wagte es in den Kirchenraum einzudringen. Dies erreichte vom ersten Moment an nur die höchste der freien Künste, die Musik.“

Alle hier zitierten philosophischen Gedanken können direkt umgesetzt werden.

Nehme ich ein Seil, eine Saite und teile ihre Länge im Verhältnis 1:2:3:4, also in verschiedene Proportionen, und zupfe ich die beiden Teile an, so entstehen Phänomene, die wir in der Musik Intervalle nennen. Diesen wurden schon früh die Namen Oktav, Quint, Quart, Terz, Sext etc. gegeben.

Versuchen Sie dies einmal: Nehmen Sie eine Saite einer Gitarre, eines Cellos, eine Stahlsaite eines Flügels und spannen Sie dieselben zwischen zwei feste Punkte. Teilen Sie diese jeweilige Länge im Verhältnis 1:2, 2:3, 3:4 usw. und setzen Sie diese mit dem Grundton in eine Beziehung.

So haben Sie das was Philolaos folgendermaßen beschreibt:

„Der Harmonie (Oktave 1:2) Größe umfasst die Quarte (3:4) und Quinte (2:3). Die Quinte ist aber um einen Ganzton (8:9) größer als die Quarte. …….

So besteht die Oktave aus fünf Ganztönen und zwei Halbtönen, die Quinte aus drei Ganztönen und einem Halbton, die Quarte aus zwei Ganztönen und einem Halbton.“

Am besten kann man sich das Ergebnis auch rein optisch merken wenn man sich die Klaviertastatur ansieht:

Anfang von Musik

Von c´ – c ́´ ist es eine Oktave mit dem Halbton zwischen e und f und h und c. Hier fehlt jeweils die schwarze Taste.

Von c´ – f ́ ist es ein Quarte mit dem Halbton zwischen e und f und zwei Ganztönen.

Von f´ – c ́´ ist es eine Quinte mit dem Halbton zwischen h und c und drei Ganztönen.

All das, was hier sich bewegt, sind Wellen, Schallwellen.

Nehmen Sie ein Seil in die Hand! Das eine Ende halten Sie in der Hand, das andere befestigen Sie an einem Haken. Wenn Sie dann das Ende, welches Sie in der Hand haben, nach oben und unten bewegen, dann erzeugen sie eine Welle, die Sie sehen können.

Sie, die Welle, wandert nach vorne zum Haken und kommt wieder zurück. Wiederholen Sie diesen Vorgang, dann erhalten Sie eine stehende Welle und sie können Wellenbäuche und Wellenknoten entdecken.

Drücken Sie auf den Wellenknoten, erhalten Sie einen sogenannten Oberton den man in folgender Reihe aufzeichnen kann.

Anfang von Musik

Es gibt ein Phänomen, welches man den Obertongesang nennt.

Ich habe ihn als erstes bei den Mongolen gehört und war sofort fasziniert.

Lernen Sie hier Anna-Maria Hefele, eine ehemalige Studentin von mir, kennen und hören Sie selbst den Zauber des Obertongesangs!

Wenn Sie davon fasziniert sind, sollten Sie sich auch das Buch von Obertonsänger Wolfgang Saus ansehen. Mit diesem können Sie den Gesang selbst erlernen!