Am Anfang war der Klang

Ich nehme mich als einen durchaus wachen, aktiven, an gesellschaftlichen, philosophischen, künstlerischen Themen interessierten Weltbürger wahr.

In der Oberstufenschulzeit des Gymnasiums Nürtingen wurden diese Interessen kreativ gelegt: Kritische Referendare der 68er-Bewegung im Verbund mit kritischen Vikaren spannten in den übergreifenden Studien einen Bogen von Marx über Zen- Buddhismus, Psychoanalyse, Beatgeneration, Neuer Musik, Literatur bis hin zur antiautoritären Erziehung.

Es war immer Musik dabei: Klassik die Grundlage, Doors und Miles Davis die Ausdehnung. Vor kurzem habe ich meine Gitarre wieder ausgepackt und spiele Dylan, Donovan, Degenhard, die alten Folksongs.

Jahrzehntelang weggepackt, kam richtig Freude auf. Ich bin fasziniert, dass ich die meisten Texte immer noch auswendig kenne.

Freitags holte ich mir damals im Pfarrhaus die Texte ab und vertonte sie bis zum Jugend-Gottesdienst am Sonntag. In die Kirche durften wir im pietistischen Nürtingen irgendwann nicht mehr, aber einen Saal oder einen Keller fanden wir immer.

Mit den Vikaren gründeten wir nachts in Stuttgart die „Kritische Kirche“ und mit allen anderen, die es mit der Kirche nicht so hatten, den kulturell-politischen Club genannt „Kuckucksei“.

So organisierten wir unsere Kultur flächendeckend selbst.

Dass Freejazz-Konzerte mit Gunther Hampel ausverkauft waren, kann man sich heute kaum mehr vorstellen.

Die offizielle Kirche hatte auf zu viel Musik in ihren Räumen immer mit dem Spruch: „Am Anfang war das Wort…“, reagiert. Schon früh interessierte mich dieses scheinbare Geheimnis.Für mich war das immer der Klang und ich änderte den Satz um in: „Am Anfang war der Klang …“. Dies ärgerte die strengen Kirchenherrn immer.

Das letzte Mal brachte es einen österreichischen Bischof in Rage, der bei diesem Satz errötete und entrüstet den Saal verließ.

Dass Klang so verdächtig sein konnte, war und ist mir nach wie vor nicht klar. Für mich ist Klang und Musik viel erkenntnisreicher als die dünne Prosa.

Musik regt meine Sinne viel mehr an, aktiv zu werden.

Diese verschiedenen Ebenen des Sehens, Hörens, Riechens, Tastens, Schmeckens, Fühlens, Erahnens – das ermöglicht dem Menschen, seine Potentiale zu erweitern.

So geriet ich in Bereiche, die damals, vor dem Stein, noch keinen Begriff hatten. „Am Anfang war Klang“ wurde erst wichtig, als ich den Stein in der Hand hatte. Und seitdem ich ihn, den Klang, in der ganzen Hand hatte, in diesem unfassbaren Erkenntnis-Bereich, begann sich meine bisher vom Willen geprägte Denkweise nach und nach zu ändern.

So wurden meine Hände immer mehr zu einem dritten Ohr, durch die Vibrationen der Stein-Schwingungen in Erkenntnis umgewandelt.

Dieses klangliche Erkennen begründet sich aus der Entstehung der Welt aus dem Klang, der Kosmogonie.

Am Anfang allen Seins, allen Denkens, lange vor der menschlichen Existenz, war der Klang, war das Tönen, das Schwingen, das Immaterielle, nicht sichtbar, nur hörbar. Die Inder berichten in den Veden über diesen Zustand.

Am Anfang war Klang, das Immaterielle, der Ur-Knall, die Bewegung, das Nicht-Fassbare.

So versucht das menschliche Denken, diese Entstehung zu verstehen. Wer hinter all diesem steht, wer der Schöpfer, der Lenker von all diesem ist, den mögen alle so nennen, wie es ihnen behagt. Das sind Worte, Begriffe, um zu versuchen, etwas zu begreifen: Bennenungsversuche.

So versucht das menschliche Denken, diese Entstehung zu verstehen. Wer hinter dies allem steht, wer der Schöpfer, der Lenker von dies allem ist, den mögen alle so nennen, wie es ihnen behagt. Das sind Worte, Begriffe, um zu versuchen, etwas zu begreifen: Bennenungsversuche.

Am Anfang war Klang, nicht der, nicht die, sondern einfach Klang.

Und dieser begann sich zu materialisieren, ließ die Planeten, die Erde entstehen, die Elemente. Als erstes den Stein, dann das Wasser dazu. Das Wasser, um das Äußere abzukühlen, die Kruste zu bilden, die Magnetfelder auszubilden. Dann die Atmosphäre, der Schutz. Hier sind schon Jahrmillionen vergangen.

Wasser entwich dem Stein als Dampf in den glühenden Vulkanen. Durch chemische Reaktionen kondensierte der Wasserdampf zu Wasser, welches als Regen auf die Erde zurückkam.

Stein und Wasser haben die engste Verbindung.

Bis wir Menschen vor über 40.000 Jahren uns in diesen Prozess vorsichtig eintastend eintraten, ist schon so unendlich viel geschehen in diesen Entstehungsprozessen, was unsere Vorstellungskraft weit übersteigt.

Etwas, das wir gar nicht sprachlich denken können.
Etwas, das wir hören können, fühlen, spüren.
Etwas, das im Stein gespeichert ist und sich im Hören mitteilt.

In meinen Händen, wenn mein Klangstein vibriert, wenn er schwingt. Innerlich und äußerlich schwingt. Diesen Erkenntnisprozess zu erlernen, diesen Sinn wahrzunehmen, verlangt die ausgebildete Form der Sinneserkenntnisse oder kann durch Übungen entwickelt werden.

Nicht, dass dies erst in den Händen liegt, dann in den Ohren, den Füßen spür- und fühlbar wird, nein! Alles bewegt sich auf unterschiedlichen Formen- und Farbbahnen, seine Richtung und Dimension sich permanent ändernd.

Es ist ein unglaublich schnelles Rückkopplungssystem auf mindestens acht bis zehn Ebenen, aufgrund des Erfahrenden die Schlüsse ziehend, die Vorgehensweise ändernd.

Klangsteinspielen ist nicht einfach so ein Musik-Machen, Tonleiter-Spielen, Töne-Erzeugen.

Klangsteinspielen ist unendlich viel mehr. Es ist ein Prozess, ein Vorgang des Loslassen jeglicher Kraft und Anstrengung in der engsten und dichtesten Berührung des Steins. Zwischen dem Stein und der Hand ist nur noch das Wasser, der hauch-dünne Wasserfilm, vergleichbar mit dem kapillaren Spalt, der die Reibung verhindert.

Alle Teile der Hand, die Brücke, die Ballen, die Fingerteile, das Weiche, das Harte der Gelenke – alles ist eine äußerst differenzierte Fläche von mehrdimensionalen Wahrnehmungsbereichen, die nicht einfach nur fühlen und tasten, Überträger sind, sondern Erkenntnis-Vermittler auf höchsten Ebenen.

Um mit einem Klangstein in eine adäquate Berührung zu kommen, ist das vollständige, komplette Loslassen jeglichen Willens die notwendige Voraussetzung bzw. der Vorgang der Annäherung.

Kraft, Druck, Wollen verhindert alles. Kreischen und Klirren sind die Folgen. Um sich dem Klang, seinen Bedingungen, zu nähern, ist ausschließlich Bewegung notwendig.

Bewegung der Hände im gleichmäßigen Hin und Her, ohne das Tempo zu verändern. So entsteht die notwendige Bewegungsenergie, die sich durch …

Seit Jahrzehnten arbeite ich daran, über Musik zu schreiben und das auf fantasievolle, poetische und empfindliche Art und Weise. Es ist eine Lebensaufgabe und ich arbeite täglich daran, um die Lebens-Bedeutung, die Überlebensbedeutung von Musik und Klang auch in Zeiten wie den jetzigen immer wieder bewusst und unterbewusst zu machen.

Ich habe den letzten Abschnitt abgebrochen und in … übergehen lassen. Hier an dieser Stelle muss ich dem vorhandenen Text den Klang hinzufügen.

Hier reicht die Sprache nicht.

Deshalb werde ich für den nächsten Beitrag einen kleinen Film erstellen, der Ihnen all das zeigt und hören lässt, was ich hier heute geschildert habe. Diesen Film können Sie herunterladen, ihn anschauen und anhören.

So bekommen Sie eine hörende und sehende Dimension dieses, meines klanglichen Tuns.