Ein Anfang mit Klang und Musik I

Schon am Anfang aller Zeiten – berichten die indischen Veden – bestand die Welt aus Klang.

Nada meint den Klang, Brahma das schöpferische Prinzip. Per-son meint, wie man klingt.

Aus Klang bestehen meint durchsichtig, nicht fassbar zu sein. Alles ist immer in Bewegung.

Ihm, dem Klang, wird von Anbeginn die höchste Macht und Kraft zugeordnet. Eine Fähigkeit, welche die Götter und Dämonen, als sie dies wahrnahmen, an sich reißen wollten.

Doch der Klang konnte vor der Auseinandersetzung der Götter fliehen und ließ sich in den Pflanzen, den Bäumen, den Gewässern, den Steinen, den Trommeln, den Zithern und den Wagenrädern nieder.

Ihn hier wiederzufinden, zurückzuholen in die Welt, mit seinen Fähigkeiten und Möglichkeiten umzugehen lernen, ist eine meiner bevorzugten Tätigkeiten.

Ich konzentriere mich hierbei auf den Klang und die Musik aus den Steinen.

Um mit den verschiedenen Ausprägungen von Musik zurecht zu kommen, sie verstehen und handhaben zu lernen, teilten die Menschen die Musik des Planeten, des Weltalls, des Kosmos in 5 Ebenen ein:

  • Musica Divina: Die göttliche, allumfassende, zeitlose Musik.
  • Musica Mundana: Die Musik, die Harmonie der Sphären.
  • Musica Terra: Die Musik des Planeten Erde, der Elemente, der Tiere.
  • Musica Humana: Die Musik des Menschen, des Körpers, des Geistes.
  • Musica Instrumentalis: Die Musik des real Tönenden, der Instrumente.

    Diese fünf Ebenen sind niemals isoliert zu sehen bzw. zu hören, sie durchdringen sich immer gegenseitig. Es sind immer alle Ebenen gleichzeitig vorhanden und hörbar.

    Wir Menschen sind in der Lage, sehr viele verschiedene Klang- und Musikabläufe, auch wenn sie noch so komplex sind, zu hören und hörend zu verstehen.

    Musica

    Die oberste Ebene, von mir Musica Divina genannt, ist die höchste Form des Musizierens, des Erzeugens, des Findens von Klängen, der Musik und ihren Ordnungen.

    Sie ist zeitlos und in gewisser Weise – auch wenn es von Menschen zur klanglichen Realität gebracht wird – jenseits dieser Personen existent. Es sind diese großen Werke, die neben der direkten ästhetischen Wahrnehmung ein unendliches Studium erfordern.

    Für mich persönlich ist die Bachsche Matthäuspassion solch ein Werk. Auch Segantinis Triptychon, Rilkes Elegien und Luigi Nonos Streichquartett.

    Musica

    Die Musica Mundana ist die von den griechischen Philosophen so bezeichnete und vermessene Musik, die Harmonie der Sphären.

    Die Schüler von Pythagoras erzählten, dass der Meister diese Musik gehört und vermessen hätte. Soweit ich weiß, vermaß er zuerst das Seil und teilte es gemäß den uns heute bekannten musikalischen Intervallen in Oktave (2:1), Quinte (3:2), Quarte (4:3) usw. also in Proporitionsverhältnisse ein.

    Diese fand er dann wieder beim Vermessen der Längen der Gestirne zueinander und schloss daraus, dass damit auch die Planeten, die Gestirne klingen müssen. Eben als Musica Mundana.

    Musica

    Auch im Mittelpunkt der griechischen Gedankenwelt, der gesamten Ausführungen, steht immer der Mensch.

    Er oder Sie ist es, der/die im Klang lebt, mit dem Klang lebt, geprägt ist vom Klang, gelenkt von ihm, seine eigenen Klänge wahrnimmt, seine eigene Innerlichkeit als Klänge hört und spürt, in der zu erkennenden Eigengesetzlichkeit dieser Klänge lebt.

    Er/Sie lebt auf der Erde, in der Musica Terra, der Musik des Planeten Erde, der Musik der Elemente, der Musik des Windes, des Wassers, des Feuers. Der Musik der Pflanzen, der Tiere, der Musik alles Belebten.

    Diese Musica Terra bewegt sich in großen pulsierenden, rhythmischen Zyklen: Der Wechsel von Tag und Nacht, von hell und dunkel, den jahreszeitlichen Zyklen wie Sommer und Winter, den biologischen Zyklen.

    Sie haben unterschiedliche Tempi, unterschiedliche, wechselnde Farben, unterschiedliche Zusammenklänge, Harmonien, harmonische und harmonikale Systeme im Vertikalen und Melodien im Horizontalen, unterschiedliche Räume im Mehrdimensionalen und differenzierte Richtungen.

    Jeder Mensch ist in seinem Hiersein, seinem Leben Teil dieser Musica Terra; sie prägt ihn, gestaltet ihn, er/sie lernt mit ihr umzugehen.

    Musica

    Hier beginnt die Musica Humana, die eigentliche Musik des Menschen, die Musik der Pulse, die erste wahrnehmbare Zeitordnung, die ohne unser Zutun abläuft.

    Unser Blutkreislauf ist ein äußerst komplexes System unterschiedlicher Rhythmen, unterschiedlicher Tempi, unterschiedlicher Bedingungen. Dazu demnächst ein eigener Newsletter über meine persönliche aktuelle Forschung.

    Musiker lernen von Beginn an, auf den anderen zu hören, die Klänge, die Sonanzen zu verstehen, mit ihnen umzugehen.

    Musiker können im Klingen, dem Sonieren, im Zurück- und Wiederklingen, im Re-Sonieren bis zu acht verschiedene Strukturen, Melodien, Rhythmen, Themen verfolgen, begreifen und selbst umsetzen.

    Dies ist die höchste Form an Kommunikation, die erreichbar ist. Sie zu erlernen ist von allergrößter Bedeutung für die eigene Existenz.

    Es gelingt mir inzwischen mit den Klangsteinen bis zu zwölf verschiedene Ebenen gleichzeitig wahrzunehmen und selbst zu erzeugen.

    Dieses aktive Musizieren fördert ein Denken, das ich das musikalische Denken nenne.

    Ein Denken mit Tönen, Klängen, Musik. Ob meine Denken vom Spracherwerb entwickelt und damit festgelegt ist, ob Denken nur auf der Basis des sprachlich Gelernten möglich ist, bezweifle ich begründet. Auseinandersetzungen dazu habe ich genügend geführt.

    Ich bin darüber hinaus überzeugt, dass es auch ein ausschließlich visuelles Denken gibt. Und, dass diese Denkweisen alle erkenntnisfähig sind. Sie prosa-sprachlich zu übersetzen hieße, den Linguisten wieder auf den Leim zu gehen.

    Nicht die Sprache ist das Entscheidende aller Dinge, sondern die speziell denkende Verbindung aller Sinne.

    Das ist kein Elfenbeinturm, keine Utopie oder ein frommes Herbeibeten, sondern Teil der Sinnesordnung.

    Der Hörsinn, um mit ihm zu beginnen, ist der erste ausgeprägte Sinn des Menschen und es ist der Sinn, der als letzter aufhört tätig zu sein. Ungefähr eine Stunde, nachdem der Herzschlag ausgesetzt hat.

    Und Menschen merken sich diesen Klang der Sprache, der Umgebung, wie sie ihn von Anbeginn erfahren haben. Sie speichern ihn in ihren Zellen, die durch ihn strukturiert werden.

    Hier unterbreche ich, mache aber noch aufmerksam auf den Komponisten Peter Michael Hamel und dessen Buch „Durch Musik zum Selbst“, welches hier erhältlich und sehr lohnenswert zu lesen ist.

    Ich schätze diesen Musiker und seine Musik außerordentlich und höre mir immer wieder seine CD „Hesse between music“ an.