Mein Freund Werner Dürrson

„Das Dach ist dicht, warum noch (d)(D)ichter.“Dieses Gedicht, diese Zeile stammt von meinem Freund, Lyriker, Schriftsteller, Musiker, Werner Dürrson.

Einer der wichtigsten Personen in meinem Leben, den ich, nachdem er vor 9 Jahren viel zu früh verstarb, nach wie vor unendlich vermisse. Er ist einer der genialsten Lyriker den ich kenne und durch ihn und mit ihm kam ich zu den Klängen der Steine, sowohl über die Lyrik als auch über den Stein.

Lesen Sie, verehrte Abonnenten seine Gedichte. Werner Dürrson ist ein großartiger Meister dieser Kunst und bis knapp vor seinem Tode im Jahr 2008 hatte er sich auch der Prosa verweigert.

Wir sprachen viel über diese Fokussierung auf die Lyrik. Meine Theorie ist, dass Prosa, da sie so gut wie keine Musik enthält und sie deshalb, wie die indischen Musikfreunde sagen, eher dazu neigt ein „falsch Zeugnis“ abzulegen, zu lügen.

Lyrik und Musik, auch das sagen die indischen Musiker, tun das nie. Nach einem ganzen Leben primär für die Lyrik hat Werner eine Prosa verfasst, die auch hier jenseits aller Zweifel Musik ist.

Werner Dürrson

Werner war ein radikaler Sprachfanatiker, empfindlich über alle Massen – was stritten wir beim Roten im Garten – ein wunderbarer, unvergleichlicher Übersetzer französischer Lyrik (Beaudelaire), einer der nirgendwo einen Kompromiss einging, tiefsinnigst war und gleichzeitig voller Humor. Eines der Gedichte, welches dies fasst, ist das Neujahrsgebet:

Herr, setze dem Überfluss Grenzen
und lasse die Grenzen überflüssig werden.

Lasse die Leute kein falsches Geld machen
aber auch das Geld keine falschen Leute !

Nimm den Ehefrauen das letzte Wort
und erinnere die Männer an ihr erstes.

Schenke unseren Freunden mehr Wahrheit
und der Wahrheit mehr Freunde.

Bessere unsere Beamten, Geschäfts- und Arbeitsleute,
die wohl tätig, aber nicht wohltätig sind.

Gib den Regierenden ein besseres Deutsch
und den Deutschen eine bessere Regierung.

Herr, sorge dafür, dass wir in den Himmel kommen,
aber nicht sofort.

Ich lernte ihn im Sommer 1987 bei den Landesliteraturtagen in Reutlingen kennen. Der damalige Leiter für die Vergabe von Kompositionsaufträgen, ein ungeliebter, mächtiger Kollege aus der Musikhochschule Stuttgart beschied mich gnädigerweise mit einem unbezahlten Lehrauftrag („Sie müssen sich die Sporen ja noch verdienen“), schob das Geld selbst ein und drückte mir einen Stoß von Texten zum VERTONEN in die Hand.

Ich konnte mich gerade noch beherrschen zu sagen, dass ich nicht so … wie er sei, der Texte von Hölderlin mit seiner schlechten Musik Ver-Tonte und ich einen Teufel tun werde, irgendwelche Worte durch einen wie immer geARTeten „Fleischwolf“ zu verdrehen.

Trotzdem war ich verdammt wütend, ging nach Hause und las Nachts die sogenannten Gedichte oder Texte oder was immer dies sein sollte durch.

Da ich selbst seit frühester Kindheit alles las was mir in die Finger kam, ich damals noch Choleriker und leicht wutentflammbarer Verteidiger der höchsten Qualität von Musik und Sprache war, verbrannte ich gleich mal nach kurzem Überfliegen das Meiste dieses Regionalschundes.

Am Ofen stehend, fiel mir aber plötzlich ein Text in die Hände, der bei mir dieses Kribbeln einer Gänsehaut auslöste:

Kleine Wetterkunde

Viel reden hörte ich über
des Wetters Schlechtigkeit

Wer den Regen lobte
oder Gewitter
war sofort verdächtig

Zu schweigen vom künftigen
Schnee.

Nur lähmende Schwüle blieb
unangefochten.

Dann Nebel, Blätterfall.
Frost.

Hinter Gittern
das Licht sieht
seinem Urteil entgegen.

Dieses Gedicht entzog mir den Boden unter den Füßen.

Ich las es laut, leise, schnell, langsam,
lautschnellhochtiefmittellentoadagioconsentimento, lernte es auswendig, stellte nachts den Wecker und rezitierte es, schrieb es aus dem Kopf auf, legte mich auf die gehörte Melodie, spielte in den Pausen zwischen den Zeilen Klavier und hauchte mich dann wieder in den Nebel, den Blätterfall und erstarrte im Frost.

Ich litt mit dem Licht, ging vor jedem Gericht hin und her und fluchte über die Schlechtigkeit des Wetters, schlief nicht mehr, rannte herum, setzte mich schließlich hin und begann zu skizzieren. Irgendwas, wollte keine Noten schreiben, aber irgend etwas musste aus mir heraus.

Und irgendwann blieb dann das übrig… Hier ein Teil:

Werner Dürrson

Ich hatte unzählige Seiten vollgeschrieben, gemalt, die Blätter auf Transparent übereinander gelegt, zerschnitten und immer mehr mich in den Klang, die Rhythmen dieses Gedichtes hinein-gewühlt.

Ich wusste nicht wie es einfach klingt, was da irgendwo ist, welches Instrument dafür sein sollten, ich blieb in meiner Welt des Klangs und schließlich nahm ich einen Stoß der Blätter, ging zum Glaser und fragte ihn wie man diese Blätter auf durchsichtige Gläser bekommen könne.

Als ich diese Gläser dann in der Hand hatte und übereinanderlegte, wusste ich, dass es genauso klingen musste und, dass es klingt wie man es hier sieht.

Werner Dürrson

Zurück zum Geschehen. Nach diesen Erfahrungen wurde geprobt und gearbeitet, immer nach dem Klang des Textes gesehen und so näherte sich die Uraufführung im Reutlinger Rathaus.

Ich damals noch mit langen Haaren, wildem Bart und so weit wie möglich bemüht alle Konventionen abzulehnen (was auch ganz gut gelang), die Stadthonoratioren in schwarzen Anzügen füllten die ersten Reihen, der Kollege, der inzwischen abgelehnt hatte, den Klavierpart bei mir zu spielen, mittendrin.

Meine Werke, inzwischen auf drei angestiegen, sollten nach der Pause aufgeführt werden. In derselben, wohlwissend, dass die bisherige Konzert – Szene nicht die meine war und ich über mich wütend war diesen Kompromiss eingegangen zu sein, stand plötzlich die Leiterin der Literaturtage vor mir, begleitet von einem Herrn, den sie mir als Werner Dürrson vorstellte. Schon nach der Kurzvorstellung schleuderte er mir den Satz entgegen:

„Wissen Sie, ich bin gegen die Vertonung meiner Texte.“

Ich, nicht verlegen, schaute ihn an und entgegnete:

„Wissen Sie und das ist mir schei… egal“, drehte mich um und ließ beide stehen.

In dieser Gemütsverfassung betrat ich mit meinen Musikern die Bühne vor vollem Saal und definierte, gebeten in die Werke einzuführen, ohne irgendeine Art von Vorbereitung, als Symbol für Klang und Unabhängigkeit des Schwaben, die für mich auf Hölderlin basierende Denkweise des schwäbischen Anarchismus.

Dies war in knapp 10 Minuten abgearbeitet, danach setzte ich mich an den Flügel und hoch konzentriert spielten wir die Musik, die Texte singend und sprechend, teilweise kamen sie vom Tonband und mischte sich mit unseren instrumentalen Klangwolken.

Nach der halbstündigen Aufführung tobte der Saal, mehrfach mussten wir herauskommen, was den Kollegen wiederum ärgerte, uns aber tief berührt auf verschiedensten Ebenen zurückließ.

Ich verkroch mich danach ganz nach hinten, um in meiner eigenen Klangwelt bleiben zu können.
Das Konzert wurde mit anderen Kompositionen zu Ende gebracht, der Saal leerte sich nach ausgiebigem Applaus und während ich dann meine Verstärker Anlage auseinander baute, die Kabel verstaute und mich auf den Transport vorbereitete, stand plötzlich Werner Dürrson vor mir.

Bewegt schaute er mir, ernst und klar in die Augen und nach einem Wort des Dankes für das Spiel, sagte er:

„Sie haben ja meine Texte gar nicht vertont, Sie haben sie interpretiert. Mit Ihnen möchte ich befreundet sein.“

Das war der Anfang einer lebenslangen und über unsere beider Leben hinausgehender Freundschaften, eigen und besonders, nachhaltig und vehement.

Durch ihn, sein Denken, sein Schreiben, sein Sprachtönen, und mit ihm, seiner eigenwilligen Persönlichkeit, kam ich zu den Klängen der Steine.

Er hatte sie in der Höhlensprache gehört, wusste, welcher Kosmos hier sich auftat. Mit diesem Gedicht-Zyklus begleitete er mich in die Klangstein-Welt, in der ich mich seitdem eingewohnt habe und 2007, einige Monate vor seinem Tod, las er mein erstes Buch zu den Klangsteinen Korrektur.

Er hatte uns schon 2003 erlaubt, die CD „AQUA“ mit Textausschnitten aus seinem „Denkmal fürs Wasser“ zu verbinden.

Lesen Sie die Gedichte von Werner Dürrson. Lesen Sie sie laut, hören sie auf den Klang derselben und spüren Sie ihn!

Werner Dürrson