Wie ich zu den Klangsteinen kam

Mein letzter Beitrag löste bei mir eine Leselawine aus, ich nahm mir die Dürrsonschen Gedichte vor und geriet in alle möglichen Emotionslagen, ich kugelte mich vor Lachen, war betroffen, mein Intellekt war gefragt, die Tiefsinnigkeit brachte mich ins Grübeln, es hörte gar nicht auf.

Dem Flohgedicht:
der gefangene floh

der gefangene floh
man fragt sich wieso
der war plötzlich
nicht mehr zu finden

vermutlich weil
der gefangene floh

ach so
folgte:
Ins Freie

Eingeklemmt in das System
verkaufter Landschaft bleibt mir

der See noch, geh ich auf vor-
geschriebenem Weg von

Schildern belauert hangabwärts
Mauern Zäunen entlang am

Schloß vorbei komme ich zum
gefängnistorbreiten Uferstück
der Besitzlosen:

Raum der sich
auftut, befremdliche Weite

….

und der Anfang der Ungeziefer-serenade
läuse flöhen meine lieder
milde durch die nacht zu dir
mücken schwärmen auf und nieder
grillen zecken heimchen bieder –
fliege biete her zu mir

….

Die ganze persönliche Vergangenheit tauchte durch diesen unglaublichen Sprachkünstler wieder auf, das Oberschwaben, das Schloß Neufra, wo er hoch über dem Donautal wohnte in seinem Rittersaal mit Blick über das Tal, die Zigarillo rauchend, den Kater auf dem Schoß, unvergesslich.

Einige Tage nach dem Reutlinger Konzert kam ein Paket aus Riedlingen bei mir an mit einem ganzen Stoß von Büchern mit Gedichten, der Kosmose, die wir in Nürtingen spielten, stehend bewegt, welches wir in Ludwigsburg konzertierten, und plötzlich zwischen alle den umfangreicheren Werken fiel ein kleines Büchlein heraus. Auf diesem stand „Höhlensprache“.

Die Sprache der Höhle, die Sprache, die Dürrson, wie er mir sagte, als Klang hörte, den die Steine einer französischen Höhle zurückschicktne, als er in ihr seine Texte, sich selbst zuhörend, laut las.

Der Zyklus „Höhlensprache“, 1971 entstanden, stellt den Versuch dar, dem dichterischen Schweigen noch einmal Sprache abzugewinnen.“ – „Die Höhle als Ort der Zuflucht, des Schutzes, der Inseitigkeit, zugleich aber der Verlorenheit, der Verbannung und Kälte, der Orientierungslosigkeit und des Verschütteten, wird mit Hilfe von Sprachresten gewissermaßen abgetastet.“, schrieb Werner Dürrson in seinem Beilagenzettel.

Ich schlug die erste Seite auf und las:

Tuff
nichtsbesagend

wort versickert

vertufft
unter der horizontlosigkeit
ohne hall

wände

gänge

hohlklang
schweigen

nichts besagend

tuff

(restliche stimme
hinterm versturz)

gruft

Ich las weiter und tauchte in seine Welt der Sprach-Reste ein, die für mich den Klang derselben freigaben, fragmentarisch standen diese Blöcke da und dehnten sich in die Klangzeit. Ich verschlang die 13 Seiten, auf jeder Seite ein Text und begann nebenher zu zeichnen, zu komponieren.

Ich baute die Texte um, ich montierte sie nach den Klängen, ich war schon in der Höhle und zeichnete die Klanglinien der Töne nach, baute die Klänge um die Wort-Blöcke, die Wort-Steine, die Stein-Worte, las die Texte, brüllte sie hinaus in die Landschaft, flüsterte sie in den Katakomben, ging in die Nebelhöhle, die Bärenhöhle auf der schwäbischen Alb nicht weit weg vom Liechtenstein und las die Texte laut, notierte mir die Musik, die ich hörte, kam wieder nach Hause und begann zu zeichnen.

Dürrson

Ich schrieb die Texte ab, in einer anderen Schrift, mit andern Farben, änderte die Größe der Buchstaben, ließ sie auseinander fallen, setzte sie in der Luft neu zusammen, schrieb die Geschichte die ich hörte, das scheinbare Scheitern des Experiments im VIII. Gedicht, die Erhöhung der Ebene im XIII. Was für eine Dramaturgie. Ich machte mich sofort dran diese Texte zu komponieren und es entstanden 12 sehr unterschiedliche Graphiken, in denen ich Texte zusammen-fügte, auseinander-riß, in neue graphische Formen brachte.

Dürrson

Im Jahre 1989 fand die Uraufführung der Ausstellung der „Höhlen-sprache“ in Riedlingen statt. Mein Lehrer Erhard Karkoschka hielt die Laudatio, wir spielten diese Musik der Sprachreste. Was für ein perfektes „Event“ würde man heute sagen. Damals waren wir viel heftiger mit Inhalten als mit Formen wie heute beschäftigt. Die Zeit ist eine völlig andere geworden.

Mir ging es damals besser, wesentlich besser, die heutige weitverbreitete Oberflächlichkeit ist nicht mein Thema, wird es nie sein. Bei mir geht es immer um das Wesentliche, das ganz Eigene, nicht um das rosarot gefärbten Mezzoforte-Mittelmaß.

Werner Dürrson rief mich damals vor der Vernissage an und erzählte mir von einem Bildhauer, der beim Hauen der Steine richtige Töne gehört hätte und daraus Steine gebaut hat, die wirklich richtig klingen.

Was für eine Information!

Er gab mir die Telefonnummer dieses Meisters. Ich rief begeistert an und – bekam den Stein mitten ins Gesicht geschleudert. Schwäbisch kann richtig grausam sein: „Där sich gschdorba onds geiht koan Stoa“ war die Antwort der äußerst unfreundlichen Stimme, der Erbin von Elmar Daucher.

Also dann nicht, dachte ich mir, ich werde schon noch einen Stein finden. Die Ausstellung fand dann auch ohne den Stein von Daucher statt.

Dürrson

Seitdem stehen die Steine im Mittelpunkt meines musikalischen Tuns. Und es ist ein anderes, ein wunderbares Leben geworden. Mit den Steinen und der Musik derselben. Wenn Ihr es noch nicht kennt, dann solltet Ihr dies unbedingt tun!

Die Musik der Steine ist das ultimative, unerreichte Erlebnis, es ist die unglaublichste Musik, die ich mir vorstellen kann. Man kann mit allen, mit jedem Musiker, mit jedem Menschen in der ganzen Welt spielen, man braucht keine sogenannte musikalischer „Vorbildung“, man muss sich nur auf das Spielen einlassen, man wird zuhören, Hören lernen und dann wird man alles wichtige und bedeutungsvolle des Klanglichen, des Musikalischen erfahren, was es in dieser Welt und darüber hinaus gibt.

Klangsteine, werte Leser sind unglaublich und das Beste Musikalische was mir neben meinem Flügel geschehen ist. Nach wie vor liebe ich ihn und die Tasten, aber die Steine erreichen eine Dimension, die vorher nicht voraussehbar, voraushörbar waren.

Und zum Schluss wieder Werner Dürrson:

das musikalische Opfer

also bei Buxtehude da wurde
der schumann reger denn je

mozärtlich nahm er die
witwe des mahlers am händel
führte sie über bach und haydn
am monte verdi vorbei
auf den schönberg

wo er sie
nicht ohne liszt
verbrahmste

dann aber gluck
gluck weg war er
gänzlich

ein telemann eben

keinen kreutzer wert
seufzte die mahlerische
und

wo hindemith
als sie
den mendelssohn griegte