Musikalische Sprache

Musikalische Sprache

Jede oder fast jede Form von Musik – wobei ich beispielsweise Schlager trotz aller Toleranz nicht als „Musik“ erachte – ist das komplexeste Kommunikationsmittel überhaupt, welches diese Welt veredelt und sie für mich lebenswerter macht.

Denke ich mich in einen Konzertsaal oder meine eigene Innerlichkeit, dann suche ich für das Komplexe eine beschreibende Sprache.

So etwas wie einen sich klanglich bewegenden Vordergrund, diverse Arten von Mittelgründen, einen oder mehrere Hintergründe und so etwas wie einen Urgrund, der aus dem gesamten Meta-Gehalt des Klingenden besteht.

Im Vorgang des Hörens ist der tönende Ablauf für jeden meistens sofort zu verstehen: Alles fügt sich zu einem Tiefgründigen, Intensiven, Diffizilen, Zerbrechlichen oder auch Martialischen zusammen und ist durch nichts zu überbieten.

Ein Actionfilm im Kino würde zur Lächerlichkeit verkommen, wenn die Lautsprecher ausfielen.

Die Menschheit versänke im Chaos, wenn Musiker auf der ganzen Welt nur einen Tag in den Generalstreik treten würden.

Trotzdem haben wir, speziell die europäischen Musiker, einen eher miserablen Stand in dieser aktuellen Welt.

Zwar will niemand auf uns verzichten, keine Hochzeit ohne das Ave Maria vollziehen. Aber uns eine sogenannte „staatstragende“ Funktion zuzuschreiben, davon sind wir sicher Lichtjahre entfernt.

Dabei könnte man bei uns so einiges lernen: Kooperation statt Konkurrenz, die Achtsamkeit im Miteinander, die Nachhaltigkeit immateriellen Tuns.

Ich meinerseits genieße diese intensive Kraft, die ohne Macht über etwas oder jemandem auskommt, über alles. Keine Sekunde am Tag verzichte ich auf Klang oder Musik und auch mein Träumen ist restlos erfüllt von diesem Tun.

So dachte ich mich über Monate in die Bachmannsche Sprache hinein, von der ich letztes Mal gesprochen hatte.

Ich hatte meine horizontalen Klänge des Gedichts Reklame genauso auf zwei Glasscheiben komponiert und festgehalten, wie den vertikalen Teil. Die sich bewegenden und die stehenden achtstimmigen Klänge.

Zunächst waren sie noch getrennt, dann kam eine der beiden vertikalen Scheiben zu den horizontalen…

 

Musikalische Sprache

…und schließlich auch noch die vierte Scheibe:

 

...und schließlich auch noch die vierte Scheibe:

Die Sprachfanatiker hielten mir die Frage entgegen: Ist der Text von Bachmann so schlecht, dass er die Musik nötig hat?

Nein, sagte ich. Je besser ein Text, umso mehr Musik enthält er.

Das ist für mich ein untrügliches Kriterium für sprachliche Qualitäten. Zwar hat es hier Prosa schwer und Lyrik wesentlich leichter, aber in beiden Genres gibt es Ausnahmen in der einen oder in der anderen Richtung.

Musik und Sprache: Eine ewige Auseinandersetzung. Die gesamte Kirchengeschichte könnte darüber geschrieben werden!

So hörte ich das klanglich in mir Gedachte, welches in meinem abendländischen Verständnis und Denken immer mit dem Vorgang des Lesens verbunden ist.

Zunächst als Komponist, der sein innerlich Gehörtes in die Zeichen der Partitur umwandelt. Aber auch als lesender Hörer einer Partitur und als virtueller Hör-Leser eines klanglich Unsichtbaren.

Dann auch als schreibender Künstler, dessen Sprache der klanglich-musikalischen Logik folgt.

Die Reflexion meines künstlerischen Tuns, sei es in Vorträgen, Essays oder sonstigen Worten ließ mich in den letzten Jahren zunehmend frustriert zurück.

So begann ich zu experimentieren und nahm mir die vorliegende Komposition vor.

Ich begann, einen Text nach und nach zu musikalisieren…

Musikalisierter Text

 

….und setzte ihn mit der Grafik in Verbindung:

....und setzte ihn mit der Grafik in Verbindung:

Mein Vortragstext entwickelte sich durch die Bearbeitung und die Verbindung mit dem Gesamtwerk zu einem ganz anderen Leseerlebnis zwischen Musik und Sprache.

Ich druckte die Graphik auf Büttenpapier und den Text auf Transparentpapier und ließ alles rahmen.

Nun habe ich zehn neue wunderbare, hochinspirierende Bilder:

In meinem Atelier hängen damit neue Bilder (im Format A3), die meine Affekte und meinen Geist derart anregen, dass ich mich täglich neu daranmache, Musik und Sprache in eine noch höhere künstlerische Verbindung zu bringen.

So beschloss ich eine Serie von 50 Exemplaren des ganzen Zyklusses (10 Seiten) aufzulegen, sie zu nummerieren und zu signieren. Sie sind sowohl gerahmt als auch ungerahmt zu erwerben.
Ich verabschiede mich heute mit einem Satz aus einem weiteren Bachmann-Gedicht:

Dein Hut lüftet sich leis, grüßt, schwebt im Wind,
Dein unbedeckter Kopf hat ́s Wolken angetan,
Dein Herz hat anderswo zu tun ….