Akzeptanz und Resonanz I

In meinem letzten Beitrag geriet ich in das Gebiet der Pädagogik. Dieses Modell des “Einen Menschen zu lieben, um ihn auf seinem Weg in diese oder jene Welt begleiten zu können” ist eigentlich einfach.

Aber dieses Modell funktioniert nicht, ohne sich selbst lieben zu können. Das ist eine der Voraussetzungen: Sich selbst zu lieben und zu schätzen.

Um dann den anderen lieben und schätzen zu können und ihm beim Bilden zu helfen.

Wenn ich noch weiter in der Menschwerdung zurückgehe, dann kann ich folgendes feststellen: Alles Tönende und Klingende ist vom Anbeginn des Lebens, sogar in der Zeit vor der Geburt, im Grunde schon vom ersten Moment nach der Zeugung an, prägend für die weitere Entwicklung.

Der französische Arzt Dr. Tomatis hat dies erforscht, zu seinem Hauptthema gemacht und mit dem Buch „Klang des Lebens“ aufgezeigt, was der klanglich genetische Abdruck der Musik ist.

Nach der Geburt ist die musikalische Fürsorge weiter zu entwickeln. Neurologen und Psychologen informieren in diesem Zusammenhang über die Beeinflussung der Intelligenz, des Wachstums und des sozialen Verhaltens durch Musik.

Das System der musikalischen Früherziehung ist ausgereift. Aber was folgt danach?

Leider beginnt – meistens mit dem Eintritt in die Schule – die Kurve der musikalischen Ausbildung immer mehr abzunehmen. Oft ist es sogar ganz „Aus“ mit der Bildung.

Dies reicht dann bis hin zu der Tatsache, dass 94 % aller Jugendlichen bis 18 Jahren nicht mehr von den Angeboten der Musikschulen erreicht werden.

Dass dies manchmal auch ganz anders laufen kann, erfuhr ich im Jahr 2005.

Zu dieser Zeit spielte ich in der Essener Philharmonie ein KlangStein-Konzert und wurde vom Intendanten gefragt, ob ich nicht ein Konzept für eine Schule in Essen-Katernberg entwickeln könne. An dieser Schule war die Welt aus mehreren Gründen aus den Fugen geraten.

Beim unmittelbar darauf folgenden Besuch lernte ich eine ungewöhnliche Grundschule kennen. Kinder, die aus bis zu zwölf verschiedenen Nationen kamen, saßen zusammen in den meist überfüllten Klassen.

Es glühten nicht nur die Nerven der Lehrer, auch waren die Treppen schief und die Erde unter dem Gebäude gab schon nach. Die ganze Schule war baufällig, der Bergbau hatte ganze Arbeit geleistet.

Die Situationen zwischen allen hier Beteiligten war angespannt. Den Grund dafür erfuhr ich einige Wochen später, als ich mit KollegInnen und StudentInnen meines Instituts dort eine Woche verbrachte.

Eine Vielzahl von Nationen kann sich nicht verstehen, wenn sie keine gemeinsame Sprache haben.

Da es für die Schüler als Flüchtlinge oder Emigranten ausgeschlossen war, sofort die deutsche Sprache zu beherrschen, konnte auch kein gemeinsamer Nenner gefunden werden. Zumindest nicht auf verbaler Ebene.

Und aus diesem Grund funktionierte weder Rechnen, Schreiben, Lesen, noch das gesamte soziale Zusammenleben.

Und da das deutsche Schulsystem ausschließlich auf der Sprache basiert, war die Sackgasse vorprogrammiert.

Wenn man dann mit dem Rücken zur Wand steht, dann beginnt man die Regeln zu korrigieren. Wenn die verbale Sprache nicht funktioniert, dann ändert man eben das Medium: Man greift zur Musik.

Und da Musik immer, wirklich immer, mit Bewegung verbunden ist, fand der von uns eingeführte Unterricht in der Turnhalle statt.

Akzeptanz

Melodie und Rhythmus waren der Anfang.

Melodie und Atem, Rhythmus und Bewegung – das war die Grundlage, die gar nicht kompliziert zu erlernen war. Diese war jedem, ob er oder sie aus Japan, Russland, Tunesien, Afghanistan, der Türkei oder gleich wo auch her kam, sofort bekannt und vertraut.

Den eigenen Namen singend zu sagen oder sagend zu singen, dabei die Hände und die Beine benutzend, dem in Raum und Zeit gehenden Klang eine Geste, ein Zeichen zu geben – das war eine der Anfangsübungen.

Und wenn dann alle miteinander das „Abdullah“ des türkischen Jungen nachahmten, dazu die Hände benutzten, die Arme und auch die Beine, um den Namen aus zu sprechen/singen, und dies ein paar Mal wiederholten, dann verstand jeder der MitschülerInnen seinen Nachbarn auf einer ganz anderen Ebene.

So entstand Resonanz & Akzeptanz, ein wunderbares Konzept des miteinander Lernens auf der Basis von Musik und Bewegung.

Auf diese Weise kamen sie sich alle nach und nach näher. Sie übten Kopfrechnen mit Rhythmus und lernten ebenso rückwärts zu laufen – denn ohne das zu können, kann man auch nicht Subtrahieren.

Sie lernten über den Klang nach und nach die Sprache ihres jetzigen Wohnlandes, sie lernten deutsch über den Klang des Deutschen.

So lernten auch alle, ehrlich miteinander zu sein. Ehrlich sein bedeutet, dass man verstanden wird, dass man dieselbe Sprache spricht, dass man sich bewegen kann, dass man in seiner eigenen Sprache singen kann und dass jeder diese Sprache auch versteht.

Nicht der sogenannte Inhalt ist das Wichtigste. Wichtiger ist die Ehrlichkeit des Tones, des Klangs der Sprache. Diesen muss man üben, dass man ihn versteht.

Der Tonklang der Musik, das was in einem tönt, was in einem vibriert, das ist wichtig. Dann versteht man jeden, auch ohne dass man die andere Sprache kennt und erst jahrelang griechisch, japanisch oder russisch lernen muss. Das ist Akzeptanz.