Das Quadrivium

Liebe Leser,

isoliertes Denken gehört endgültig der Vergangenheit an!

Genauso wie offensichtlich sehr viele Menschen in den letzten Monaten anfingen, über ihre Zukunft nachzudenken, sich um das Klima zu kümmern, um die Bienen und ihre bzw. unsere Lebensbedingungen, mit denen sie offensichtlich nicht mehr zurecht kommen.

Lebenswichtige Klänge

Wenn ich, was immer seltener geschieht, durch den Münchner Hauptbahnhof laufe und die Horden von Mitbürgern sehe, die sich durch ihre überdimensionalen Kopfhörer von allem abschotten, bis sie dann eventuell von dem Auto, welches sie auch nicht mehr hören, überfahren werden, dann bin ich unglaublich entsetzt über den Zustand unseres Staates.

Quadrivium

Gleichzeitig lebe ich schon immer in einer anderen Welt, in welcher ich aktiv höre, zu-höre, hinhöre und mich nicht abschotte sondern aktiv mit dieser Welt-Klanglichkeit umgebe.

Wenn heute überall Seminare über die Kultivierung der Sinne abgehalten werden, um an den eigenen Lebenssinn heran zu kommen, dann wäre eine Verbannung der Kopfhörer die erste Maßnahme.

Klänge sind lebenswichtig.

Wenn wir nicht mehr hören, können wir nicht mehr Fahrradfahren.

Das Quadrivium

… Aber eigentlich wollte ich wo anders hin.

Eigentlich wollte ich an das Thema des letzten Newsletters anknüpfen.

Und so schreibe ich heute über das Quadrivium, indem ich aus einem wunderbaren Buch zu diesem Thema zitiere:

QUADRIVIUM, die vier klassischen freien Künste: Arithmetik, Geometrie, Musik & Astronomie, erschienen bei Libero ISBN: 978-90-8998-429-6

EINFÜHRUNG
„Das Quadrivium wurde erstmals um 500 v. Chr. von Pythagoras als die Tetraktys formuliert und gelehrt, und zwar in einer Gesellschaft, die als Wiege der Demokratie in die Geschichte eingegangen ist und bedeutende philosophische Schulen hervorbrachte.
Quadrivium
Das Quadrivium begründete die erste europäische Schule, in der Bildung die septem artes liberales, die grundlegenden freien Künste, umfasste.

Sokrates‘ zentrale Lehre verdeutlichte Platon so: Wissen ist ein unserer seelischen Struktur immanenter Teil. Das Trivium der drei sprachlichen Fächer ist um die Kardinalwerte des Wahren, Schönen und Guten herum angelegt:

Grammatik kreist um die Struktur der Sprache, Logik um die vernunftgemäße Argumentation und Schlussfolgerung, Rhetorik um den schönen Gebrauch der Sprache zum Ausdruck der Wahrheit.

Das Quadrivium (lat. „Vier Wege“) beinhaltet die am meisten verehrten Bereiche, mit denen sich der menschliche Geist seit jeher beschäftigt hat: die Zahlen.

Die erste Disziplin nennen wir Arithmetik, die zweite Geometrie oder die Ordnung des Raums in Form von Zahlen im (Welt-) Raum, die dritte die Harmonik – für Platon Zahlen in der Zeit – und die vierte Astronomie: Zahlen in Zeit und Raum.

All diese Lehren bieten verlässliche Leitern, die zu den gleichrangigen Werten des Wahren, Guten und Schönen führen. Über sie wiederum gelangt man zum grundlegenden Wert der Harmonie und Ganzheit.

Quadrivium

Unsere Seele, deren Unsterblichkeit Sokrates in Platons Phaidon nachwies, hat ihren Ursprung an einem Ort vollkommener Weisheit, bevor sie im Körper geboren wird.

Ziel dieser Wissenschaften war es daher, durch Vereinfachung zurück zu dieser Ganzheit zu gelangen, und zwar auf der Basis des Wissens, das man durch das Studium der Disziplinen des Quadriviums erlangen konnte. Und das Ziel – seit alters her der Zweck aller Suche nach Erkenntnis – bestand darin, ihre Quelle zu finden.“

Ich schließe diesen Abschnitt mit einem Zitat von Iamblichus:

„Nicht für dich wurde die Welt (der Kosmos) erschaffen – du wurdest für sie geboren.“

Der Weg zum Wahren, Guten und Schönen

Das Beziehungssystem des Quadriviums weist den Disziplinen in ihrer Ordnung in Raum und Zeit die Bedeutung zu, den Weg zum Wahren, Guten und Schönen zu finden.

Und darüber dann zur Harmonie und zur Ganzheit des Seins.

Das bedeutet, dass Musik aus folgenden Teilen besteht:
Aus: Melodie (Melos), Harmonie, Rhythmus, Logos

„Die Melodie ist die Sprache des Herzens, der Rhythmus der Gesang des Blutes und Harmonie der Spiegel der Seele.“
Simon Parmet

„Harmonische Musik ist ein Bild der ideendurchdrungenen Welt, des ganzen großartig nach allen Dimensionen sich ausbreitenden, nach allen Richtungen fest und schön in sich zusammenhängenden und geordneten, überall konkrete Einzelgestaltungen aus seinem Schoße an die Oberfläche hervortreibenden Universums. Die Melodie ist die Einzelgestalt, die Harmonie das Ganze.“
Friedrich Theodor Vischer: Melodie und Harmonie

Quadrivium

Und Logos meint den Text, die Sprache im Sinne von Logik, Grammatik und Rhetorik.

Leonard Cohen: Meister der Melodien

Diese Ausführungen sind aber nicht etwas, was man nur in der griechischen Antike wiederfindet.

Nein, sie sind vollkommen aktuell.

So schrieb ich in einem meiner Newsletter über Leonard Cohen und seine Musik.

Über den aus der Lyrik heraus-schreibenden Musik-Melancholiker mit seinem einmaligen Timbre und seiner unglaublichen Fähigkeit, einfache Melodien zu schreiben.

Keine Koloraturen, keine gewagten Sprünge oder dergleichen, nein einfachste Melodien, die aber unter die berühmte eigene Haut gehen.

Wer einmal sein Halleluja gesungen hat, wird dieses Lied, diese Melodie nie mehr los.

Quadrivium

Und wenn wir die berühmte Barockmusik nehmen, in welcher Musik als Kunst und Wissenschaft gilt, und die Regeln aus der Renaissance bis zur Wiener Klassik galten, so finden wir genaue Kriterien, wie eine Melodie zu komponieren ist bei dem berühmten Johann Mattheson.

Wie komponiert man eine gute Melodie?

Folgendes ist zu beachten:

1. Daß in allen Melodien etwas seyn muß, so fast iedermann bekannt ist.

2. Alles gezwungene, weitgeholte schwere Wesen muß vermieden werden.

3. Der Natur muß man am meisten, dem Gebrauch in etwas folgen.

4. Man setze die grosse Kunst auf die Seite, oder bedecke sie sehr.

5. Den Franzosen soll hierin mehr, als den Welschen, nachgeahmt werden.

6. Die Melodie muß gewisse Schrancken haben, die jedermann erreichen kan.

7. Die Kürtze wird der Länge vorgezogen.

Dazu demnächst mehr.

Herzliche Einladung

Und so komme ich heute zum Ende, indem ich alle Leser einlade, in dieser Woche, am Samstag, den 29.06.2019 einen der berühmtesten Barockmusiker in unserer Nähe in Iffeldorf südlich des Starnberger Sees mit einem einmaligen Ensemble zu hören:

Ton Koopmann am Cembalo mit Klaus Mertens (Bassbariton) und dem
Lassus-Consort und Lassus-Kammerchor

Quadrivium

Hier können Sie alles hören, was ich heute beschrieben habe. Dazu können Sie mich auch persönlich kennenlernen, ich bin an der Veranstaltung als Veranstalter mitbeteiligt und freue mich.

Herzliche Grüße
Ihr Klaus Fessmann