Eine unangenehme Wahrheit

Sehr verehrte Leserschaft,

es hat einige Zeit gedauert bis ich mich an den aktuellen Beitrag machen konnte. Nicht, dass mir die Themen ausgehen – die Musik und die Kunst sind ein unerschöpfliches Gebiet.

Nur – und das ereignete sich wieder einmal in Form der diesjährigen Landtagswahlen hier in Bayern – wird mir täglich immer mehr klar, dass wir als Künstler und Musiker in diesem aktuellen Staate im Grunde gar nicht existieren, so gut wie keine Rolle im staatlichen Gefüge spielen.

Würde irgendetwas passieren, wenn wir unseren Job verweigern würden?
Die Welt zusammenbrechen, eine Katastrophe eintreten?
Würde dies irgend jemand bemerken?

Ich vermute nicht.

Ich war mir in letzter Zeit wieder einmal nicht mehr sicher, ob man uns überhaupt braucht.

Musik

Spontan fallen mir nur zwei Ereignisse ein, an denen es wahrscheinlich auffiele, wenn wir den Auftritt verweigern würden.

Das wäre bei den Hochzeiten, die ohne das Ave Maria und den Brautwalzer kaum machbar sind und bei den Begräbnissen, die ohne Il Silenzio oder Ich hatt‘ einen Kameraden nicht auskommen.

Aber auch das könnte irgendein Internetanbieter lösen – oder wahrscheinlich geschieht dies schon längst.

Aber sonst?

Heutzutage werden in den Kirchen von den Verantwortlichen für den Orgeldienst schon Orgeln gekauft, bei denen die Elektronik den Organisten spielt, das Tablett schon jeden Instrumentalisten ersetzt.

Ob ein japanischer Roboter zukünftig den chinesischen Pianisten ersetzen wird?

Gott sei Dank gibt es da noch genügend Chöre, Orchester, Blaskapellen, auch immer noch genügend Jugend, die eigenwillige Bands gründen und hier durchaus Erfolg haben.

Trotz dieses Hoffnungsschimmers fehlt mir nicht nur etwas, sondern sehr viel mehr.

Oft komme ich mir mit meinen Vorstellungen, meinen Gedanken über meine Musik, über die Klangsteine, meine Graphiken und Bilder, meine Bücher, dem Ruf nach ästhetischer Bildung, der Forderung von sechsfachem Unterricht in Musik in den Schule wie der berühmte Rufer in der Wüste vor.

Oder wie jemand, der sich mit Dingen beschäftigt, die niemanden mehr interessieren, die auch niemand mehr kennt, von denen niemand mehr etwas weiß.

Musik

Musik ist doch, sagen die heutigen Studierenden, nichts anderes als ein Geschäft.

Was denn sonst auch noch?
Gibt es überhaupt noch etwas anderes?

Hier kann man Kohle machen und wer das nicht hinbekommt, der hat hier einfach nichts verloren.

Ein gutes Video muss reichen. Sonst: Altes Eisen.

Es geht hier um Profitmaximierung, Einschaltquoten.

Wirkung von Musik für Körper, Geist und Seele – nur wenn es Geld bringt.

Musikästhetik, Musikphilosophie – was ist das?

Das Schöne an sich? Bildung? Die Wichtigkeit von Schreiben, Hören und Sehen?

Musik

Mein Fragebogen für die Parteien anlässlich der Wahl postalisch verschickt und die Stellung von Musik und von uns Künstlern in der Gesellschaft betreffend, deren Fragen ich unregelmäßig bei Facebook postete, interessierte niemanden.

Weder die Parteien, die Politiker, noch das Publikum auf Facebook.

Es gab keine Reaktionen!

Warum mache ich so etwas?
Beschäftige ich mich mit so etwas?
Weil das ein Professor im Elfenbeinturm nun einmal macht?

Als ich, Gott sei Dank, jäh aus dieser Frustration erwachte, stellte sich mein alter Widerspruchsgeist wieder ein.

Meine Visionärszellen tobten und ich dachte, ich werde nichts von dem, was ich beschrieb, von dem was mich ärgert und ich vermisse, akzeptieren!

Nicht, dass an unseren Universitäten der akademische Nachwuchs in den letzten 20 Jahren nahezu versiegte, weil die Angebote so schlecht bezahlt sind, dass man davon nicht leben kann.

Nicht, dass sich die Honorare der Instrumental-Lehrer immer mehr Richtung Hartz IV bewegen.
Nicht, dass die Bildung ein gespenstisches Niveau erreicht hat.

Musik

Ich werde trotzdem jeden Morgen um halb vier aufstehen und beim ersten Tee überlegen, was alles zu tun ist.

Ich werde nach wie vor jeden Tag üben und arbeiten so viel ich nur kann.

Ich werde nach wie vor darum kämpfen, dass die Musik die Stellung in unserer Gesellschaft auf allen Ebenen wieder bekommt, die ihr nicht nur zusteht, sondern die sie unbedingt haben muss.

Ich werde dafür kämpfen dass man über Musik, über die Beschäftigung damit, alles erlernen kann:
Rechnen, Schreiben, Lesen, Hören, Sehen, Denken, Lieben.

Einfach alles.

Und dass man dabei noch unglaublich gesund bleibt.

Musik

So, und jetzt interessieren mich die nächsten Wahlen nicht mehr.

Ich werfe den Frust in den Müll und schreibe weiter jede zweite Woche über Dinge, die jeder Mensch dringend braucht. Die Lebens-Not-Wendig sind.

Und nach den nächsten 50 Beiträgen lade ich alle meine Noch-Inskribienten zu einem meiner Klangsteinkonzerte ein.

Also bleiben wir dran….

Herzliche Grüße
Ihr Klaus Fessmann