Kreative Missstände

Im Zuge der gesamten Entlarvungen von Ungeheuerlichkeiten, Dieselskandalen und Manipulationen anlässlich der letzten Wahlen stellte sich heraus, dass es aktuell viel zu wenig Lehrer gibt.

Stunden fallen massenweise aus. Ganze Klassen, ganze Schulen sind – so heißt es – nur unzureichend versorgt.

Lehrer werden nicht fest angestellt, müssen in den Ferien jobben gehen.

Plötzlich war das Thema Bildungspolitik ein Wahlkampfthema. Wohl aber, da keine Partei dies wirklich ernst nahm und ihr auch nichts dazu einfiel, ein Wahl-Krampf-Thema.

Die Bildung im Staate der Goethes, Schillers, der Grass‘ und der Härtlings, der Rilkes und der Bölls fährt in Richtung Null herunter!

Wenn ich aus Versehen in eine Talkshow zappe, ist das sofort hör- und spürbar.

Ebenso erst letzte Woche bei Herrn Merks Rede, seine Programmvorstellung die zukünftige CDU betreffend.

Eine Rede komplett ohne Inhalt. Nicht einmal die Arroganz des Herrn überzeugte.

Bildung

Auditives Lernen

Meine Bildung fand primär außerhalb der Schule statt, die ich natürlich ebenso zu besuchen hatte.

13 Jahre lang und ich bereue heute noch so ziemlich jede Stunde.

In der Grundschule träumte ich meistens so vor mich hin, was zu regelmäßigen Ohrfeigen des Lehrers Barth führte.

Lerngänge waren das einzig Positive, was ich in Erinnerung habe.

Bei Lerngängen war ich draußen: Es waren meine ersten Sound-Walks, meine ersten Klang-Erfahrungen außerhalb meines Klavierzimmers.

Bildung

Ich fand zwar nie einen Pilz, aber ich hörte wie es draußen zuging.

Ich lernte die Melodie der diversen Vögel, die ich dann am Klavier imitierte.

Ich lernte Rhythmen, ich lernte früh schon die gesamte Symphonie der Musica Terra.

Sound-Walks können Sie natürlich nicht in München auf dem Mittleren Ring ausprobieren; denn BMWs, VWs, KIAs und Toyotas haben nichts mit Musica Terra zu tun – da holt man sich eher einen Hörschaden.

Sie müssen sich schon einmal in den Garten zurückziehen, beispielsweise in den Englischen, den es ja auch in München gibt.

Aber noch besser ist es weiter südlich, zum Beispiel in meinem Wohnort Iffeldorf.

Fünf Leben

Hier fiel mir dann eines meiner Vorhaben ein – dass es, wie im alten Indien, sinnvoller wäre, in der Schule primär Musik zu machen.

In Indien haben wir Musiker fünf Leben.

Im ersten erfahren wir unseren Sinn des Sehens – es ist das wertfreie Observing.
Im zweiten Sinn, im Sinn des Hörens, ist es das Listening.
Im dritten sind es die Sinne des Verstehens, das Learning.
Im vierten Leben üben wir unsere musikalischen Fertigkeiten – das Practising, das Üben, das Konzertieren, das Hinausgehen in die Welt.

Bildung

Als ich nachfragte, wie es mit dem fünften Leben aussähe, kam dann nach einiger Zeit die Antwort: „It’s the way to the gods.“

Welche Auszeichnung, dachte ich. Das sollte ein Vorbild für Europa sein!

Die Sprache des Klangs

Ich lernte in der Schule nicht viel. Lesen, Schreiben, Rechnen konnte ich schon ganz gut als sie losging.

Lesen, Schreiben, Rechnen, Bewegung – das alles kann man lernen, wenn man Musik macht, nur Musik macht.

Und damit fing ich schon vor der Schule an.

Ich lernte Klavierspielen bevor ich Sprache lesen lernte. Für mich war das Klavierspielen immer mit den Noten verbunden, die vor mir auf dem Klavier standen.

Bildung

Diese abstrakten Zeichen lernte ich sofort und verstand sie als Zeichen für die Klänge, die ich am Klavier auslöste.

Ich konnte sie lesen und schreiben.

Es war überhaupt kein Problem, weil es immer der Klang war den ich sah.

Als ich dann die Zeichen für die Sprache sah, war das im Grunde dasselbe.

Es waren die Zeichen, die als Sprache klangen.

Da Sprache unglaublich viel mit Klang und Tönen zu tun hat, waren das einfach nur andere Zeichen, die ich mir aber sehr schnell genauso merken konnte.

So lernte ich lesen und schreiben. Über die Musik lernte ich alle Sprachen, alle Fremdsprachen zu hören und zu lesen.

Rechnen mit Musik

Auch Rechnen ging so.

Musik ist immer ein Vorgang, der in der Zeit abläuft.

Bildung

Die Zeit ist geordnet, meist in zwei Kategorien, dem 2er und dem 3er.

Das ist ganz logisch und leicht erfahrbar.

Alles andere setzt sich immer aus diesen beiden Bestandteilen zusammen.

Ein klassisches Thema hat 8 Takte, die sich aus 2 x 4 Takten zusammensetzen, dem sogenannten Vordersatz und dem Nachsatz. Diese wiederum haben jeweils 2 Teile.

So lernt man sofort rechnen, addieren und subtrahieren.

Befasst man sich mit Akustik, was für einen Musiker lebensnotwendig ist, dann lernt man sehr schnell alles, was es so in der mathematischen, der physikalischen Welt gibt.

Und man versteht es sofort, weil man das, was man sieht, auch gleich hört.

Ein anderes Lernen ist eh sinnlos.

Vom politischen Versagen

Wie viel Quatsch wurde in mich hineingefüllt. Wäre ich bei den Leipziger Thomanern in die Schule gegangen, wäre dies keine vertane Leben-Zeit gewesen wie im Nürtinger Gymnasium.

Also, werte Pädagogik-HerrscherInnen der diversen Ministerien, stellt mal schnell Musiker, kreative Künstler ein und wir bringen den Jungs und Mädels über die Musik alles das bei, was sie im Leben so brauchen!

Aber wahrscheinlich haben sie wieder vor unserer Freiheit, vor unserem Freigeist Angst, vor unserer Subjektivität, unserer Emotionalität, unserer Unkontrolliertheit.

Und wie ich letztes Mal schon sagte, gibt es uns für diese ja eigentlich überhaupt nicht…

Bildung

Naja, uns gibt es schon – und wie.

Mich interessieren die Merkwürdigkeiten der Politik nicht sonderlich.

Ich habe auch wenig Achtung vor diesen Leuten – alles zu viel Mauschelei und Inkompetenz.

Was mich interessiert, ist die Gesellschaft und die Menschen. DAS sind die Aufgaben, die von den gewählten Menschen zu erledigen sind!

Hier ist die Bildung lebensnotwendig, unendlich wichtig.

Und hier haben wir Künstler mehr zu sagen als alle anderen sogenannten Bildungspolitiker.

Das humane Lehren

Ich habe jetzt 47 Jahre gelehrt und hauptsächlich junge Menschen ausgebildet.

Privat, an mehreren Musikschulen, an einer Waldorfschule, an einer Musikhochschule und an einer Universität der Künste.

Ich habe tausende von Studierenden mit der Kunst in eine verantwortungsvolle Position ihres Lebens gebracht.

Und es sind unglaublich viele meiner ehemaligen Studierenden Lehrer in verschiedenen Positionen geworden, acht davon ProfessorInnen.

Und alles was ich getan habe, kam aus dem oben geschilderten Denken der Musik heraus, nicht aus irgendeiner anderen Quelle.

Ich bin überzeugt, dass man Lehren nur zum geringen Teil lernen kann.

Bildung

Es gehören – genauso wie zum Therapieren mit den Klangsteinen – ganz andere, ethische und humane, auch spirituelle Kategorien dazu, um hier tätig sein zu dürfen.

Dazu man muss seine einem Anvertrauten einfach lieben.

Und ich habe es immer noch mit dem Hölderlin, den mir die Lehrer in der Hölderlin-Stadt Nürtingen auszutreiben versuchten, weil der ja ver-rückt war – der in meinem Lieblingsgedicht schrieb:

„… mich erzog der Wohllaut des säuselnden Hains / und lieben lernt ich unter den Blumen / In den Armen der Götter wuchs ich gross.“

Herzlich
Ihr Klaus Fessmann