Klänge

Klänge, die das Leben bestimmen I

Liebe Leser,

nachdem ich von den indischen Raga-Ordnungs-Systemen und der Rolle unserer inneren Uhr erzählt habe, möchte ich heute diese Ordnungen am Beispiel von Susette und Roderich Clement ausführen.

Die beiden sind Teil der fiktiven Familie, über die ich die letzten Wochen berichtet habe.

Ich stelle Ihnen im Folgenden exemplarisch das System des Dienstags, den 21. April, vor:

1 Uhr 10 Minuten:
Mond, Gestirne

Motto:
Erstaunlich ist, dass nach wie vor jede Nacht, außer wenn die Wetterverhältnisse dagegen sind und die Wolken den Himmel bedecken, der Mond dort oben erscheint.

Im April ist er abnehmend, befindet sich im letzten Drittel seines circannualen Rhythmus‘, der knapp einen Monat dauert.

Ausgehend von der Sichel nimmt der Planet nach und nach immer mehr seine runde Form, den sogenannten Vollmond an.

Von dort aus, in der zeitlichen Mitte seines Zyklus‘ geht er wieder zurück in die dünne Linie des fast halbkreisförmigen Sterns.

Klänge

1 Uhr 42 Minuten:
Kreiskrankenhaus, Schwerpunktabteilung Frühgeborenenstation

Susette Clement
Susette Clement, die Oberschwester der Station für Frühgeborene des städtischen Krankenhauses der Kreisstadt, hatte diese Woche Nachtdienst.

Täglich, jeweils nach und bei Frühdienst vor der Bewältigung des familiären Alltags radelte sie von der häuslichen Doppelhaushälfte ins knapp 5 Kilometer entfernt liegende Kreiskrankenhaus.

Jedoch tat sie das aus Überzeugung und nicht aus von außen aufgedrängten gesundheitlichen Gründen.

Klänge

Das Kreiskrankenhaus war ein auf einer Anhöhe liegender Plattenbau aus den 70er Jahren.

Zwar behaupten böse Zungen, dass man hier grundsätzlich dem Allgegenwärtigen näher wäre als unten im Tal.

Aber Susette Clement fand solche Äußerungen geschmacklos, ihre humane Grundeinstellung erlaubte ihr solche Gedanken nicht.

Krankenschwester aus Leidenschaft

Denn sie liebte ihre Tätigkeit als Krankenschwester an sich schon und dies von Beginn an.

Die grundsätzliche Ruhe der Nachtdienste, wo kein Besucher störte und es unwahrscheinlich war, per Telefon gestört zu werden, hatte sie sehr schätzen gelernt.

Sie waren für sie in den letzten Jahren zu etwas geradezu Besonderem geworden.

Klänge""

Die Station der Frühgeborenen war so etwas wie ein zweites Zuhause für sie geworden, sie liebte das Erspüren des Feinstofflichen, wie sie es nannte.

Nur die leichteste Berührung, nur der Hauch des Ahnens, ließ in ihren Händen die gesamte Innerlichkeit pulsieren, wenn sie ihre winzigen Patienten in ihren Händen und Armen hielt.

Sie liebte dieses ganz aus der Welt, ganz aus dem Alltag sein, nur im Hier und Jetzt, in der direkten Zuwendung zu diesen Zwergen, wie sie ihre Patienten bezeichnete.

Frühchen, ein gängiger Begriff für die Frühgeborenen, fand sie furchtbar.

„Wenn es Zeit ist, dann ist es so“, erklärte sie.

„Fälle“, wie der Oberarzt die Zwerge bezeichnete, empfand sie als geradezu schockierend.

Ein engstirniger Oberarzt

Dr. Bartholomäus Wiesengrund, der leitende Oberarzt, hatte sich, auf Bereitschaft in dieser Nacht, niedergelegt.

Nachdem sie sicher sein konnte, dass sich seine Überarbeitung in einem ausgiebigen Schlafbedürfnis auswirken würde, hatte sie sich ganz jener Tätigkeit gewidmet, die Dr. Wiesengrund als „esoterischen Schmarrn“ bezeichnete.

Er, klassisch schulmedizinisch auf bayerischer Basis und evaluierter Norm geschult, orientierte sich ausschließlich an durch Zahlenreihen Beweisbares.

Klänge

„Zahlen lügen nicht, Oberschwester“, pflegte er zu sagen, wenn sie von Wahrnehmung, Haptik, Sinn-fälligem im Sinn-haften sprach.

Mit einem barschen „Quatsch“ unterbrach er ihre Ausführungen

„Placebo-Effekt, Fakten, Klarheit, Beweisführung“, hörte sie ihn immer wieder sagen.

„Sehen Sie, Schwester“, verkündete er stolz, als die neuesten Zahlen der Entwicklung der Frühgeborenen-Station vorlagen, „so geht es“, ohne zu wissen, dass es gerade so nicht ging.

Der Klang des Lebens

Die Oberschwester Susette Clement hatte vor einigen Monaten zunächst ein Buch über den Klang des Lebens gelesen, später Vorträge und schließlich eine Fortbildung in der sogenannten Tomatis-Methode besucht.

Seitdem begann sie sich mit den Biographien ihrer kleinen, zarten PatientInnen zu beschäftigen.

Klänge""

Nicht etwa die Daten über Größe, Gewicht, Hautwiderstand etc. interessierten sie, dies gehörte in den Bereich Dr. Wiesengrunds.

Vielmehr hatte sie damit begonnen, mit ihrem kleinen, unscheinbaren iPod bei den jeweiligen Besuchen die Stimmen der Eltern heimlich aufzunehmen.

Besonders die Stimmen der Mütter waren bedeutungsvoll.

Schließlich prägten sie doch schon im Mutterleib von den frühesten Entstehungszeiten an die Zellbildung.

Sie hatte sich in diese Klänge der Stimmen eingehört und begonnen, nach und nach die Farben dieser Klänge nachzuahmen, sie zu imitieren.

Klänge

Zwar hatte sie immer noch ein leicht schlechtes Gewissen, wenn sie die Ohrstöpsel befestigte.

So hatte sie sich doch jahrelang in unendlichen Diskussionen in ihrer Familie gegen diese klangliche „Vereinsamung“, wie sie es nannte, gewehrt, bis sie dann eines Tages klammheimlich selbst ein solches Gerät erstand.

Nicht aus Klangsucht, rechtfertigte sie sich, sondern ausschließlich, um die Stimmen der Mütter ihrer kleinen Patienten zu verstehen und sie mit ihrer eigenen Stimme genaustens zu imitieren.

Heilsame Sprachklänge

Sie war in den letzten Monaten auf diesem Gebiet immer besser geworden.

Sie hatte gelernt, die typischen, unverwechselbaren Klänge dieser Verlautbarungen zu verstehen.

Die Melodien, die Pausen, die Hebungen und Senkungen, die Farben, die Klang-Farben, die Rhythmen.

Klänge

Immer häufiger ignorierte sie die Anweisungen des Oberarztes Dr. Wiesengrund.

Der vertrat die Ansicht, dass das Leben der Frühgeborenen in abgeschotteten, sterilen Glaskästen, angeschlossen an sündhaft teure Gerätschaften zu erfolgen hätte.

„Sauber, keimfrei, gefahrenlos, Risikominimierung“ postulierte er.

Eine besondere Methode

Im Gegensatz dazu nahm nahm sie, wann immer es für sie möglich war, die kleinen Lebewesen aus den Kästen heraus.

Sie versuchte sich am Sprachklang der Mutterstimme und hielt sie an ihren Körper, um die Vibrationen der Stimme durch denselben fühlbar werden zu lassen.

Die jüngsten Wiesengrund´schen Zahlen zeigten überraschende Erfolge, was der Mediziner seiner konsequent durchgeführten Sterilmethode zuordnete.

Dabei konnte er nicht so recht begreifen, warum diese Methode, die er seit Jahren in derselben Weise verfolgte, ausgerechnet jetzt, ohne ersichtlichen aktuellen Grund, zu wesentlich besseren Entwicklungszahlen führte.

Klänge

Deutlich wurde eine im zweistelligen Prozent-Bereich nachweisbare Entwicklung aller Organe, Beschleunigung des Wachstums, Stabilität und größere Resistenz gegenüber Infekten konstatiert.

Während der Stolz von Dr. Wiesengrund anschwoll und er sich schon die nächsten Stufen seiner Karriereentwicklung erklimmen sah, überlegte die Oberschwester Susette, wie sie die Finanzierung besserer Kopfhörer im haushaltlichen Budget rechtfertigen könnte.

2 Uhr 02 Minuten:
Mond und Sonne

Motto:
Erstaunlich ist auch, dass in knapp 4 Stunden, der Zeitpunkt wird exakt vorausberechnet, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch die Sonne wieder aufgehen wird.

Es ist relativ unwahrscheinlich anzunehmen, dass die Anwesenheitszeiten dieses Planeten zur Gewinnmaximierung gekürzt werden könnten.

Dennoch hält sich das Gerücht hartnäckig, die internationalen Stromkonzerne hätten Verhandlungen darüber geführt.

Klänge

2 Uhr 12 Minuten:
Fünf ***** – Hotel Oberbayern, Motivationstraining

Roderich Clement
Diese schwarzen dünnen, elastischen Streifen hatten seine ohnehin latent vorhandene Empfänglichkeit solcher Reize gegenüber unmittelbar befördert.

Sie gruben sich bestimmt, aber offensichtlich schmerzfrei in die Schultern ein und waren seit Jahren nicht mehr unverdeckt zu erahnen, sondern wurden sehr offensichtlich gezeigt.

Das Outdoor-Training gehörte zum festen Bestandteil seines Seminars.

„Stützen Sie mich bitte ab“, verlangte die Teilnehmerin aus dem mittleren Management eines international tätigen Konzerns bei der nächsten Übung.

Die Motivation zu trainieren, war üblich geworden, der Wirtschaftszweig boomte.

Klänge

„Ihr schafft es“!

„Ihr schafft es“, war sein Motto, seine Devise, sein Slogan.

Dies nicht nur zu vermitteln, sondern geradezu einzubläuen, seine Aufgabe.

Und es funktionierte immer.

Alle wollten abgestützt werden, die Ängste abgebaut, die Sicherheit aufgebaut, die Innerlichkeit an die Hand genommen.

Es muss ja nicht ganz so weit gehen, wie in diesem Fall.

Normalerweise hielt er sich in dieser Hinsicht eher zurück.

Aber dieses „Stützen Sie mich bitte ab“, zusammen mit den Streifen, den schwarzen dünnen Trägern, war irgendwie nicht mehr steuerbar gewesen.

Dabei war es aus beruflichen Gründen gar nicht nötig gewesen, so weit zu gehen.

Die Show hatte perfekt funktioniert, gestern.

Klänge

The show must go on

Es war nicht einmal nötig, den Bass-Woover übermäßig aufzudrehen, der scharfe Beat traf den Solar Plexus ohnehin an der richtigen Stelle und ließ nicht nur den Saal vibrieren.

Obwohl, hätte er gewusst, welche Kräfte hier in dem von ihm gestützten weiblichen Wesen angesiedelt waren, er hätte vielleicht schon hier mehr in den Tiefen der Frequenzbereiche gewühlt.

„Ihr schafft es“, sein ganz persönlicher Spruch, sein Markenzeichen, sein Rattenfängerslogan, hatte ausgereicht.

Hin und wieder toppte er ihn nur noch durch „Ihr könnt die Größten sein“, um jeden zu bekommen.

Aber hier wurde es schwierig, obwohl das martialische Schlagzeugsolo auch den Letzten mitriss.

Klänge

Dieses folgte diesem Spruch und mündete folgerichtig in das Satisfaction-Riff ein.

Ein Mal war genau hier, an dieser Stelle, der Strom im Saal ausgefallen, kein Sound mehr, kein Klang, keine Lautstärke. Verdammt, war das eng.

Er hatte sich schlagartig an seine Zeit als Versicherungsvertreter zurückversetzt gefühlt.

Hilflos stand er auf der Bühne, das Mikro in der Hand, die Scheinwerfer ausgefallen, fahles Tageslicht verbreitete nichts Gutes.

Die ersten hatten zu kichern begonnen, im selben Rhythmus wie „Ihr schafft es“, es war genau derselbe Rhythmus.

„Ha, ha, ha“ – „Ihr schafft es“, – nur Du nicht, dachte er in diesem Moment.

Und genau in diesem Augenblick, als das Gekicher zum Gelächter anschwoll, als alles zu kippen drohte, ging das Licht wieder an.

Klänge

Die Rettung

Die Musik dröhnte dort weiter, wo sie zuvor geendet hatte, durch die plötzliche Stille wirkte alles noch viel martialischer, brachialer.

„Und“, brüllte er ins Mikro, das Schlagzeug übertönend, „was hab ich Euch gefragt? Schafft Ihr es?“

Und alle, vorneweg er selbst brüllten:

„Ja / Ja / Ja / Wir / Schaffen / Es / Wir / Schaffen / Es / Wir / Schaffen / Es“, der Schlagzeuger nahm den Beat auf, verstärkte durch parallele virtuose Tremoli auf den Becken die Wildheit der Atmosphäre.

Klänge

Der Gitarrist fiel ein, rotzte das Riff rauf und runter, hielt die Gitarre tief unten, fast obszön und bewegte den Gitarrenhals in eindeutigen Gesten hin und her.

Der Saal kochte, er griff sich das tragbare Mikro.

Seinen Slogan flüsternd, zischend, dann fordernd und schließlich hinausbrüllend ging er von der Bühne hinunter in den Saal.

Er nahm das Bad in der Menge, legte die Hände auf die Schulter des am nächsten dastehenden Teilnehmers.

Dann begann er, mit den Beinen exakt und herausfordernd im Takt sich bewegend, eine, seit seiner Tanzstunde nie mehr erlebte Polonaise zu inszenieren.

Ein bahnbrechender Erfolg

Es sollte zu einem seiner größten Erfolge werden, die er je erlebt hatte.

„Wir schaffen es“, hatte seit heute Nacht einen anderen Klang, eine andere farbliche Nuancierung erhalten, dachte er, als er, inzwischen wieder alleine, in seinem noblen Doppelbett ausgestreckt lag.

Was für eine Nacht, welche Urkräfte, welche Schlangenkraft, welche Quelle des Lebens, welches Shakti war hier ausgebreitet worden.

Klänge

Welche Autorität des inneren Wissens ihrer schöpferischen Kräfte bewegte sich hier.

Wurde bewegt von diesem zu stützenden Mitglied des mittleren Managements.

Sein Leitspruch, sein Motivationsspruch war ihm zurückgespielt worden.

„Retours“, dachte er. „Ihr schafft es“, hatte eine gewisse Ironie erhalten anhand der Vielfalt des großen Einen.

Und er war sich nicht mehr so sicher in dieser Nacht, wer hier was war.

Im nächsten Beitrag möchte ich meine Erzählung fortführen über das System des Dienstags, den 21. Aprils. Diesmal am Beispiel der Familienmitglieder Boris und Johanna Franziska Cosima Clement.

Herzliche Grüße
Ihr Klaus Fessmann