Von Künstlicher und Künstlerischer Intelligenz

Liebe, sehr geehrte Inskribienten,

mit dem 30.9.2019 endete meine Lehrverpflichtung an meiner Universität in Salzburg. Achtundvierzig Jahre habe ich gelehrt und je länger es ging, umso häufiger kam mir das Friedrich Nietzsche-Zitat aus dem Zarathustra in den Kopf:

„Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.“

Einen Stern, denke ich?

Nein, TAUSENDE und Abertausende sollte man täglich gebären, um ein adäquates künstlerisches Leben führen zu können.

Künstlerische Intelligenz

Ich habe schon vor langem aufgehört, über irgendwelche Zustände oder Vorgänge zu jammern, sondern mein Leben lang so viel wie möglich getan, um dieses herrliche Phänomen, die Klänge dieser Welt, wohl zu bedenken, gut zu pflegen und sie als lebens-not-wendig zu erachten.

Vom Hören, Sehen und Riechen der Musik

Stattdessen habe ich
Auch wenn Nietzsche vor dem Chaos-Zitat schreibt:

„Muss man ihnen erst die Ohren zerschlagen, dass sie lernen, mit den Augen (zu) hören?“

habe ich nie die Ohren zerschlagen, um mit den Augen hören zu lernen.

Künstlerische Intelligenz

Aber ich habe mich von Anfang an mit den Sinnen des Menschen, speziell mit dem Sehen und Hören beschäftigt, was immer bedeutungsvoll war und nach wie vor ist.

Einmal erklärte mir der altorientalische Musiktherapeut Oruc Güvenc, der vor einiger Zeit viel zu früh verstorben ist – oder wie meine Freund Urs sagt „Die Flügel geholt hat“ – nach einem Konzert mit ihm, dass ich an der einen Stelle bitte einen anderen Klang spielen sollte.

Denn dieser, den ich gespielt hatte, würde zu scharf riechen.

Da kam dann zum Sehen und Hören noch das Riechen hinzu.

Ein wahrer Musiker geht niemals in Rente

Das ist uraltes orientalisches Wissen und Können.

Es wurde von Generation zu Generation weitergegeben, gepflegt und entwickelt durch die speziellen Fähigkeiten der großen MEISTER, die sich täglich den ganzen Tag von früher Kindheit an mit diesen Dingen beschäftigen.

Das ist das Leben, die sogenannte „Realität“ eines wirklichen Musikers.

Einer, der gelernt und erfahren hat und lieben gelernt hat, was für ein unglaubliches Glück es ist, sich mit diesem unermesslichen Reich der Klänge, der Klangwelten beschäftigen zu dürfen.

Und er käme nie auf den Gedanken, seine Geige zu verkaufen, wenn er als Orchester-Musiker in Rente geht.

Künstlerische Intelligenz

Abgesehen davon, dass ein wahrer Musiker niemals in Rente geht.

Der wunderbare indische Musiker, der Sitarspieler Ravi Shankar, antwortete in einem seiner letzten Interviews bei ARTE, als er gefragt wurde, wie viel er denn so täglich geübt habe in seinem Leben, den herrlichen Satz:

„Als ich vier Jahre alt war, fragte ich meinen Guru, wie viel ich denn üben sollte und er sagte, fange mal mit 16 Stunden pro Tag an, seitdem mache ich das so.“

Und er war zum Zeitpunkt des Interviews schon über 90 Jahre alt.

Das Geschenk der Klänge

In meinem Leben merkte und spürte, fühlte und hörte ich nach und nach, was ich machen und tun darf mit den Klängen dieses Planeten.

Dass dieses Tun eines der unglaublichsten Geschenke ist, die mir von oben mitgegeben wurde.

Darum reduzierte ich meinen Schlaf auf 4 Stunden, gewöhnte mich schnell daran und bin auch heute noch in diesen Dauern unterwegs.

Alles andere wäre reine Verschwendung.

Ich habe nach dem Musik spielen immer auch so viel wie möglich gelesen in meinem Leben.

Von der Bedeutung des Lesens

Und so haben sich Sätze in mir festgemacht, die ich für bedeutungsvoll erachte und deshalb immer wieder heraushole. So ist es keine wehmütige Nostalgie, wenn ich Nietzsche zitiere.

Auch nicht, wenn ich aus den Alten Chinesen oder den Alten Griechen Zitate anführe, von denen ich denke, dass jeder Mensch sie kennen sollte.

Vielmehr ist es der Sisyphos-Gedanke, dass man aus einem schon Gedachten durchaus in der Lage ist, etwas zu lernen.

Zitate sind, wie ich heute denke, wichtig, um zu zeigen, was Musik war und ist, was Musik ausmacht und was der Kopfhörer-abhängige Teil der Bevölkerung überhaupt nie erfahren wird.

Künstlerische Intelligenz

Ich kenne mich aus in den Dingen, die man Klang-Kosmogonie nennt, der Bereich, der mit der Entstehung der Welt zu tun hat und der Klang-Kosmologie, die das So-Sein dieser Welt in musikalischer Hinsicht beschreibt.

Nada Brahma – Die Welt ist Klang ist ein Buch das J.E. Behrendt schrieb, einer der verdienstvollsten Jazz-Förderer und Cross-Over-Aktivisten im 20. Jahrhundert.

Es lohnt sich, zu lesen.

Was WIRKLICH wichtig ist, nicht nur damals, sondern eigentlich immer, darüber berichtet ein Zitat aus China:

„Gibt es nicht Grausamkeiten mehr im Volk,
Und herrscht Gehorsam, guter Führung folgend,
Sind alle harten Strafen ungebraucht
Und keine Kriegsgeräte werden mehr gebaut
Sind so die Menschen auch nicht mehr betrübt
Und ohne Zorn der Himmelssohn
Dann hat die Musik ihr hohes Ziel erreicht.“

Beschäftige dich mit der Musik und du erkennst die
Regierung (den Zustand) eines Staates

Künstliche Intelligenz

Als Gegensatz dazu dann gleich am besten das, was ich gerade unter dem Titel: „Wie Maschinen Musik machen“ in der BR-Mediathek als menschliche „Höchstleistung“ gelesen habe.

Es ging natürlich um die „höchste“ und „größte“ Weisheit, die gerade das Land der Dichter und Denker beschäftigt: um die KI, die Künstliche Intelligenz.

Schon der erste Abschnitt war die Perversion schlechthin (auf jeden Fall für mich):

„Immer mehr Dinge um uns herum werden durch KI gesteuert und erledigt: Verkehrsleitsysteme, automatische Gesichtserkennung, selbstlernende Schachcomputer, smarte Kühlschränke kaufen eigenständig Lebensmittel ein. Und wir brauchen nur in die Hosentasche greifen und den Sprachassistenten im Smartphone aktivieren und uns werden automatisiert genau auf uns zugeschnittene Nachrichten angezeigt.“

Künstlerische Intelligenz

Dies sollte erst einmal reichen.

Natürlich kam dann die sogenannte Entwarnung, dass es offensichtlich immer auch in den nächsten 50 Jahren noch Instrumente geben wird usw.

Nur, die Zukunft gilt scheinbar der Künstlichen Intelligenz, wohlgemerkt nicht der Künstlerischen Intelligenz, wie man denken könnte.

Darüber schweigt der Artikel.

Künstlerische Intelligenz

Die Künstlerische Intelligenz ist diejenige, die noch so viel Chaos in sich hat, dass man einen Stern gebären kann. Um das ginge es hier aber gar nicht. Es geht hier nur um ein einfaches Kopieren, um das Plagiieren, um das Nachahmen.

Ganz unter dem Aspekt: „Bach war sicherlich ein Genie, aber wenn man eine Maschine lang genug mit Bach-Kompositionen füttert, ist es ein leichtes, für eine Künstliche Intelligenz Bach zu kopieren.“

Künstlerische Intelligenz

Wie hirnverbrannt muss so ein Redakteur eigentlich sein, und wie wenig muss man eigentlich wissen und können, um solch einen Schwachsinn zu verbreiten.

Nach Bach zu komponieren, wir nannten es im Kompositionsunterricht eine Stil-Kopie zu erstellen, war dazu da, Komponieren verstehen zu lernen.

Im Kopf und im Körper verstehen zu lernen und nicht, ihn dumm nachzuäffen.

Es ist die Aufgabe, wenn man sich mit Geschichte beschäftigt, die Genialität eines Bachs jenseits der Kopie des historischen Stils verstehen zu lernen und zu lernen, was er in seiner Zeit, Kraft seiner imaginativen, über die Aktualität hinausdenkenden Fähigkeiten komponieren konnte.

Von geistlosen Maschinen

Mir treibt es dann beim nächsten Satz gleich wieder die Zornesröte ins Gesicht.

„… Auch diese sphärischen Klänge hat kein Mensch komponiert, sondern eine App mit Künstlicher Intelligenz.“

Was für ein erdenelendiger Schwachsinn ist denn das???

Eine App kann gar nicht komponieren, verdammt noch einmal, sie kann nur nachahmen und nicht mehr.

„Das Componieren ist ein Arbeiten des Geistes in geistfähigem Material.“ sagt Eduard Hanslick.

Nur, wenn es keinen Geist gibt, was geschieht dann?

Es geht hier in meinem Leben, meinem Sein und Tun nicht um KI, den neuen Götzen, den alle anhimmeln wie den neuen Messias, der da hereinschwebt.

Künstlerische Intelligenz

Für mich geht es immer und mit Sicherheit auch ewig bei KI um KÜNSTLERISCHE Intelligenz und um den Menschen, der dies macht.

Aber nicht und niemals um die Maschine.

Die kann man vielleicht nutzen, aber mehr nicht.

Ich kenne die Maschinen gut, habe selbst noch einen alten Synthesizer, den Mini-Moog und eine Buchla-Soundmaschine zu Hause.

Und bei allem, was diese Maschinen an Sounds entwickeln können, hören die Fähigkeiten immer dann auf, wenn man den Geist benötigt.

Das Prinzip der Form in der Musik

Was sie, die Maschinen, zum Beispiel nie hinbekommen haben ist das, was man in der Musik die Form nennt, zu entwickeln.

Form meint den Ablauf und die Verbindung sämtlicher Parameter einer KOMPOSITION auf der allerhöchsten, für viele kaum denkbaren Ebene, einfach der Ebene der Künstlerischen Intelligenz.

So wie zum Beispiel bei der Matthäus-Passion, dem Tristan, der Neunten von Beethoven oder der Zweiten von Mahler.

Künstlerische Intelligenz

Im Artikel des BR wird immer wieder von längst überholten Begriffen wie „Melodien“ und „Liedern“ gesprochen, was einfach nur zeigt, dass der Autor nichts versteht und davon ausgeht, dass die Musik auf dieser Basis ihre Intelligenz alleine niemals weiter entwickelt hat.

Und der ganze Quatsch erinnert mich eher an das Buch und den Film 1984 von George Orwell.

Besonders, wenn der Autor schreibt: „Das Programm … soll jedem Menschen seinen individuellen Soundtrack für jede Situation auf den Leib schneidern können.“ Das klingt eher nach Adolf Hitler, der seine Freude an dieser Gleichschaltung gehabt hätte.

So, und jetzt habe ich mich doch wieder echauffiert, wie man in Österreich sagt.

Es ist gut, hier aus diesem Schreiben mitzunehmen, dass man sich heute lieber um die Künstlerische Intelligenz kümmern sollte.

Sie erweitert die Möglichkeiten, sie verhindert, dass es weiter Grausamkeiten im Volk gibt, dass man keine Gefängnisse mehr braucht, keine Waffen mehr gebaut werden müssen und die Menschen nicht mehr betrübt sind.

Und das Mittel hierzu ist das Künstlerische Denken und Tun, das des Klingenden, des Tönenden, die Musik.

Künstlerische Intelligenz

So wie der Mythos beschreibt:

„Gott schläft in den Steinen,
atmet in den Pflanzen,
träumt in den Tieren und
erwacht im Menschen.“

Und so werde ich mich weiterhin dem Urmaterial dieser Erde zuwenden und täglich mit meinen KlangSteinen und meiner Künstlerischen Intelligenz arbeiten, im Atelier, wo es kein WLAN gibt.

Künstlerische Intelligenz

Dort, wo ich täglich neugierig den Klängen zuhöre, die mich umgeben.
Dort, wo ich täglich lerne, human zu sein, meine humanen Ressourcen zu leben, zu atmen und zu tönen.

Irgendwie schon so, wie der Friedrich Hölderlin schrieb:

„O all ihr treuen
Freundlichen Götter!
Daß ihr wüsstet,
Wie euch meine Seele geliebt!
Zwar damals rief ich noch nicht
Euch mit Namen, auch ihr
Nanntet mich nie, wie die Menschen sich nennen,
Als kennten sie sich.
Doch kannt‘ ich euch besser,
Als ich je die Menschen gekannt,
Ich verstand die Stille des Aethers,
Der Menschen Worte verstand ich nie.
Mich erzog der Wohllaut
Des säuselnden Hains
Und lieben lernt ich
Unter den Blumen.
Im Arme der Götter wuchs ich groß.“

Herzlich, zusammen mit dem geborenen Stern,

Euer
Klaus Fessmann