Musik der Sprache – Sprache der Musik

Inwiefern ist Sprache Musik? Oder Musik Sprache?

Zugegebenermaßen ein sehr altes Thema. Und notwendig ist zunächst auch die Einschränkung, dass Sprache hier die verbale Sprache meint und, so wie ich es bedenke, auch ihre Verschriftlichung.

Nicht nur Goethe und Schubert, die sich nicht vertragen haben, da Goethe die „Vertonung“ seiner Texte für eine Beleidigung hielt, sind berühmte Beispiele gegensätzlicher Einstellungen zum Thema.

Sprache

Auch könnte eine ganze Musikgeschichte anhand der Schilderung der unterschiedlichen Etappen dieser Beziehungen geschrieben werden.

Und sie wäre sehr sinnvoll – bis heute.

Ich denke da nur an Eduard Hanslick und den unglaublichen Satz:
„Musik ist tönend bewegte Form.“

„Sprache lügt immer, Musik nie“, berichten die indischen Veden sinngemäß.

Die indischen Musiker nicken bei der Erwähnung dieser Einschätzung höflich mit dem Kopf und stimmen dem auf jeden
Fall zu.

Was auch ich, als, mozartianisch-indisch sozialisierter Musiker tun würde.

Vom richtigen Hören

Wenn man hören gelernt hat, richtiges, umfassendes Hören des Tönenden, den Sinn des Listening bei sich ausgeprägt hat, ihn kennt und benutzt, dann hört man völlig anders.

Man hört sogar bei jedem Musiker, jedem Sänger, ob er es ernst meint, ob er auf allen Sinnebenen versteht, was er tut, oder ob es ihn nicht einmal streift, was er da gerade so singt.

Sprache
Oder, ob er ausschließlich seine Stimmbänder erdröhnen lässt.

Und dieses Hören von Musik, von Klängen und dem Tönen an sich funktioniert anders als das verbale sprachliche Denken.

Es funktioniert auf einer höheren Ebene jenseits der Nützlichkeitslogik.

Durch Musik hören, Musik machen, Musik spielen kommt es im Gehirn zu Vernetzungen, die sonst überhaupt nicht entstehen (siehe Harnoncourt, Altenmüller).

Sprache

Und dies auf einer Ebene, die jeder problemlos verstehen kann und sofort weiß, was der andere meint.

Wissen entsteht im Reich der Kunst

Wissen, und hier werde ich mir auf jeden Fall jede Menge Feinde machen, wird nicht geschaffen durch die Wissenschaft, wie heute allenthalben überall zahlengläubig postuliert wird, sondern nur durch die Kunst! Punktum.

Die Wissenschaft, so schrieb Egon Friedell, nimmt die unterste Stufe des Geisteslebens ein, ist sozusagen das Inventar und darüber erhebt sich das Reich der Kunst.

Und hier, so führt er weiter aus, nimmt die Musik den obersten Rang unter den Künsten ein: als die tiefste und umfassendste, selbstständigste und ergreifendste.

Wohler fühle ich mich seit langem in der Musik, sie ist für mich umfassender, tiefer, bedeutungsvoller.

Sprache

„Die Prosa adeln

Trotz dieses Vorzugs habe ich aber mein ganzes Leben immer intensiv daran gearbeitet, meine Sprache permanent zu kultivieren.

Sie aus dem Gestus, dem Rhythmus, dem harmonikalen Denken der Melodie heraus zu denken und so zu sprechen, wie sie tönt.

Für mich nenne ich das immer: „Die Prosa adeln“.

Ob überhaupt jemand „richtig“ hört bezweifle ich fast.

Die Verkommenheit dieses Phänomens ist eklatant. Das hat zwar teilweise mit aktuellen Tendenzen zu tun, mit Modeerscheinungen, mit Stilen.

Aber die Tatsache, dass Sprache zum größten Teil aus musikalischen Parametern besteht, mit einem ein wenig konkreter benannten Inhalt als Musik, ist eine nicht weg zu diskutierende Tatsache.

Nur wenn ich mir vorstelle, wie das Publikum dem Sänger zujubelte, der gerade das „kleine Vöglein“ im Fortissimo brüllend jubilieren ließ, wird mir doch gleich ganz anders.

Das Rauschen des Meeres

Wir saßen vor kurzem auf dem Balkon eines Ferienhauses auf der Insel Kreta und machten Urlaub, waren auf Sommerfrische. Es war der zigfach wiederholte Versuch meinerseits, so etwas zu tun.

Kein Flugzeug war zu hören, kein Diskobass dröhnte, nur etwas tönte, und zwar wirklich nur das: das Meer rauschte.

Sprache

Am Beginn der Ferien sehr heftig, der Wind war stark und das war die ganze Nacht so.

Ein ewiges Hin- und Her-Rauschen.

Natur pur, natürlich ohne Kopfhörer, aber trotzdem richtig anstrengend für die ersten Tage.

Irgendwann war er dann weg, dieser Nerv.

Hatten wir uns daran gewöhnt?, fragte ich mich. War das Meer ruhiger geworden? Oder brauchten wir Zeit, um unsere Wahrnehmung umzustellen? Und sie war jetzt anders? Begann ich mich zu er-holen?

Auf jeden Fall war die sogenannte Lautheit des Wassers nach und nach anders geworden, so viel stand fest. Die Klang-Sprache der Natur und unsere verbale menschliche Sprache hatten begonnen, sich zu verstehen, denke ich.

Sie tauchten in eine Verbindung, eine Kommunikation ein und es tat dem eigenen Erleben gut, diese Welt zu er-leben.

Noch spezieller wurde es dann, als ich Teil dieses Wassers wurde, als ich begann, schwimmen zu gehen und in dieses Hören eintauchte.

Ich, der ich seit Jahren keinerlei Vergnügen am Schwimmen hatte, begann die Lust und den Spaß daran, wieder zu spüren, zu fühlen und zu HÖREN.

Sprache

Ich dachte an den Nietzsches Satz: „ … ohne die Musik wäre das Leben ein Irrtum“ und ich begann mich zu erholen.

Der scheinbare Widerspruch und Musik

Eines Abends auf dem Balkon kam mir der Song USA for Africa in den Sinn, dieses „There comes a time, when we heard a certain call“ und irgendwie klang es nach Stevie Wonder, diesem großartigen blinden Musiker.

Beim Suchen im Netz stieß ich auf einen Film eines Konzerts, das Stevie Wonder mit Luciano Pavarotti gab.

Vor Zehntausenden von Besuchern irgendwo in Italien.

Und es entstand in mir beim Zuhören dieses typische „indische“ Gefühl in der Musik, unfassbar zunächst, aber, je länger es ging, unüberhörbar.

Offensicht- bzw. Offenohres war zu hören, dass Stevie Wonder tief erfüllt war, von dem, was er sang.

Er glaubte das, was er tat, aus tiefstem Herzen und vollster Überzeugung.

Dagegen sang Luciano Pavarotti laut und mächtig, aber es ging ihn irgendwie gar nichts an.

Schön, ja, aber völlig leer und hohl, völlig unglaubwürdig. Wow, was für ein Erlebnis, diese hörende, gehörte Erkenntnis.

Sprache

Bei Stevie Wonder war es so wie der Satz von Leonard Cohen im Halleluja es schrieb:

„There´s a blaze of light in every word / It doesn’t matter which you heard / The holy or the broken Halleluja“.

Der scheinbare Widerspruch ist die Musik, denke ich.

Aber es ist einfach die Sprache der Musik und nicht die des Wortes.

Die Begegnung von Sprache und Musik

Und diese „Blaze of light in every word“ ergriff mich dann am vergangenen Samstag auf der Elmau.

Nicht wegen der vielen scheinbar bedeutenden Menschen und der Prunkumgebung, die mich beide meistens nerven und die ich meide.

Nein, sondern wegen des Baritons Christian Gerhaher bei Mahlers Lied von der Erde.

Das war einer der ganz wenigen Gipfel meines eigenen musikalischen Elysiums, die mich streiften, mich berührten, sich tief in mich, meine Seele eingruben und den Platz dort fanden, wo die tiefen Geheimnisse meines Da-Seins liegen.

Sprache

Schon jetzt kann ich kaum weiterschreiben, denke ich mich zurück dorthin.

Worte, Sprache hier zu finden ist kaum mehr möglich.

Mir fällt der Hölderlin ein mit seinem „In den Armen der Götter wuchs ich groß“, die Bachmann mit der „Silbersandmusik“, zu der der scheue Skorpion tanzt oder Rilkes „Worte gehen noch zart am Unsäglichen aus … und die Musik, immer neu …“ – mehr nicht.

Es war so etwas wie die höchste Form von Achtsamkeit, die es gibt, wenn Sprache und Musik sich begegnen dürfen.

Dieser so schwierig gewordene Begriff des Achtens, des Be-Achtens, des Achtsamseins wurde hier zum tönenden Dasein allen Seins …

Und so ließ ich mich ein auf dieses ewige Auflösen, dorthin ins tönende Morgenrot, wo die Kunst einfach keine hübsche Zugabe ist, sondern die Nabelschnur, die uns mit dem Göttlichen verbindet und unser Mensch-Sein garantiert, wie Harnoncourt schreibt.

Sprache

… und dies sollte e-w-i-g sein … so wie dies alles verklang …

Herzliche Grüße
Ihr Klaus Fessmann