Von Sinnlichkeit, Musik und Zittergras

Liebe Leserschaft,

morgens in eine Zeitung zu schauen, im Internet die Nachrichten, die meistens nur aus Schlagzeilen bestehen, abzurufen, macht zum allergrößten Teil keine sonderliche Freude.

Und ich habe den Eindruck, dass dieser Zustand in der sogenannten realen Welt eher schlimmer wird.

Katastrophenmeldungen häufen sich.

Zittergras

Die Digitalisierung verursacht anstatt Arbeitserleichterung im Grunde unendlich viel mehr Stress.

Die Unsicherheit über die Grundbedingungen des Lebens und der eigenen Existenz steigert sich.

Das Leben als Künstler

Ich bin Künstler, Musiker, ich lebe von dem, was ich anderen Menschen vermittle in dieser anderen Welt.

In der Welt des Klangs, der Musik, des sogenannten Immateriellen.

Hier, in dieser meiner Welt und der von so vielen anderen Menschen, nehme ich das oben Dargelegte nicht wirklich wahr.

Gut, es ist schwieriger geworden, von der Musik zu leben, Konzerte zu bekommen und die Honorare sind auch nicht mehr so hoch wie vor 10 Jahren.

Aber das ist ein wenig das Jammern auf hohem Niveau.

Und der Satz von Friedrich Nietzsche, den er seinen Zarathustra sprechen lässt:

„Ich sage euch: man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.
Ich sage euch: ihr habt noch Chaos in euch.“

verleiht die Kraft zum täglichen Arbeiten an den Inhalten.


Und es ist schon so, dass
„Gleich wie man denkt, woher man kommt, was man anhat, wie man riecht, wie man aussieht, sobald man zusammen Musik macht, mit ihm oder ihr tanzt, sich bewegt, ändert sich alles. Man lernt sein Gegenüber zu begreifen, ohne ihn/sie verstehen zu müssen, über die Klänge, die Rhythmen, die Harmonien, die Melodien, die Bewegung den Weg zu sich selbst und zu den anderen zu finden. Um mit allen Sinnen sinnvoll leben zu lernen.“ (KF, ReSonanz & AkzepTanz)

Musik und Sinne

Diese Sinne sind es, die man überall erfahren kann.

Die einen selbst ausmachen und die Welt erfahren lernen.

Dass Musik riecht, erfuhr ich von Oruc Güvenc in der Türkei auf einer Konzertreise.

Und als mir einige Zeit später eine Studentin erklärte, dass meine Musik an vielen Stellen zu feucht ist, lernte ich, dass man Musik auch mit den Wetterverhältnissen und dem Klima in Verbindung bringen kann.

Wenn wir die Augen zum Sehen, die Ohren zum Hören, die Nase zum Riechen, den Mund zum Schmecken, die Haut zum Berühren, die komplexe Innerlichkeit unserer neurologischen und psychologischen Systeme nutzen, um mit allen diesen Sinnen sinnvoll, sinnerfüllt zu leben, kann dies ein spannendes, ein Wunder-volles Da-Sein sein.

Und man muss seine Sinne immer wieder pflegen, auf sie aufpassen, sich mit ihnen beschäftigen.

Es gibt für jeden von uns Orte, Landschaften, Plätze, die dieses Pflegen ermöglichen.

Dort, wo man, wenn man an sie denkt, diesen berühmten Chill-Effekt bekommt, wo einem die Haare zu Berge stehen.

Zittergras

Soglio und Rainer Maria Rilke

Für mich ist es das Obere Engadin und dort, im Bergell, zwischen Maloja und dem Comer See der Ort Soglio auf dem Hochplateau.

Dort in der Gegend treffen die europäische auf die afrikanische Erdplatte, die letzte vier Mal so alt wie die erstgenannte.

Mein Freund, der Geowissenschaftler Prof. Dr. Jörn Kruhl, legte in einer Exkursion einmal 50 Meter frei und man konnte mit dem einem Fuß in Afrika und dem anderen in Europa stehen.

Wir waren letzthin wieder in Soglio, wohnten im Palazzo Salis in einem Zimmer, welches neben dem von Rainer Maria Rilke lag, der dort, wie man sagt, sehr glücklich und sehr kreativ war.

Zittergras

Alles sieht noch genauso aus wie damals zu seinen Lebzeiten.

Das Hotel hat nur von April bis Ende September geöffnet.

Trinkt man seinen ersten Kaffee morgens auf dem schmalen Gehsteig vor dem Haus, sieht man auf der gegenüberliegenden Seite die Berg-Kette mit dem Piz Badile und den anderen Gipfeln, getaucht in das Licht der Frühe.

Von dort aus, wo heute der Kaffee mundet, malte Ende des 19. Jahrhunderts der italienische Maler Giovanni Segantini sein großartiges Werk „Werden“.

Das erste Bild aus dem Triptychon „Werden – Sein – Vergehen“, zu sehen nach wie vor im Museum in St. Moritz.

Zittergras

Ich kann dort in Soglio und im Moritzer Museum den ganzen Tag sitzend, schauend, fühlend verbringen, ohne dass ich irgendetwas vermisse.

Dies habe ich auch, zur Pflege meiner inneren Sinnlichkeit, schon zig Mal gemacht und kann es jedem nur eindringlich empfehlen, es auch zu tun.

„Das Zittergras im Land nimmt überhand“

Und dieses Mal wieder, kam mir beim Anblick der im Wind zitternden Gräser, vom Maler auf die Leinwand gebracht und hier um mich herum auf den Wiesen schwingend, zum wiederholten ein Wort in den, meinen Sinn, welches genau das meint: das „Zittergras“.

Es war so wie die Lyrikerin Ingeborg Bachmann es in einem ihrer Gedichte schrieb:

…das Zittergras im Land nimmt überhand;
Sternblumen bläst der Sommer an und aus,
von Flocken blind erhebst du dein Gesicht,
du lachst und weinst und gehst an dir zugrund,
was soll dir noch geschehen –
Erklär mir, Liebe!

Ich habe diese Sätze schon Hunderte, ja Tausende Mal gesprochen.

Innerlich für mich und laut nach außen, um sie zu hören!

Und kann mich an diesen Worten nicht satt hören, sauge sie auf.

Das Zittergras, geradewegs vor mir und die Sternblumen dazu sind Worte von ungeheurer Schönheit, von Empfindlichkeit, von einer Bildlichkeit, einer Assoziationskraft, dass ich sie sehe, sie höre, sie rieche und schmecke.

Zittergras

Und deren Musik, deren Klang, deren Tönen ich vor vielen Jahren komponierte.

Was heißt hier komponieren, ich musste ja einfach nur zuhören.

Dann hörte ich die Melodien, die Harmonien, die Rhythmen um mich herum klingen.

Es war die Musik, die die Bachmann beschrieb mit dem Satz:

„Zur Silbersandmusik tanzt scheu
der Skorpion.“

Die Silber-Sand-Musik, was für ein Wort, was für ein tönendes Paradies, in welchem der Skorpion scheu tanzt.

Gerade er, der Skorpion, tanzt scheu!

Was ist Kunst?

Umrahmt wird diese Musik aber noch von weiteren Bildern, von einer Unzahl von Geschichten, die eine richtige Orgie der Sinn-lichkeit auslösen:

Der Fisch errötet, überholt den Schwarm,
und stürzt durch Grotten ins Korallenbett.
Zur Silbersandmusik tanzt scheu der Skorpion.
Der Käfer riecht die Herrlichste von weit.

Es ist so etwas wie eine Fast – Unfassbarkeit der Bilder unserer verschiedenen Sinne.

Und alles rauscht, tönt, riecht, bewegt sich (mit Vorsicht und Feinheit).

Auch das Wasser und der Stein.

Wasser weiß zu reden,
die Welle nimmt die Welle an der Hand

Ein Stein weiß einen andern zu erweichen!

… so geht es mir immer.

Zittergras

Kaum kommt ein Wort, ein Satz, entstehen die Bilder, entstehen die Töne, die Musik und alles das, was für mich die Welt ausmacht, beginnt sich zu bewegen.

Tobt um mich, entwickelt ihr eigenes Dasein.

Das ist für mich die Welt, nicht jenseits der sogenannten realen.

Kein Zwei-Welten-Modell, nein, sondern immer mit ihr, immer im Austausch, immer im tönenden Sein, immer mit allen Sinnen diese Welt erfahren lernen.

Das ist Kunst!

… und Rainer Maria Rilke schrieb hinter mir im Zaubergarten des Palazzo Salis:

Worte gehen noch zart am Unsäglichen aus …
Und die Musik, immer neu, aus den bebenden Steinen,
baut im unbrauchbaren Raum ihr vergöttlichtes Haus.

Zittergras

Herzlich aus dem Bergell
der Fessmann