Notre Dame de Paris und die Steine

Die Kathedrale in Paris sah ich zum ersten Mal mit 17 Jahren, als ich in Frankreich im Schüleraustausch den Sommer verbrachte.

Erst lernte ich in Carnac, in der Bretagne, die Steinkreise, die Linien, die Menhire kennen.

Paris

Am Schluss, in Paris – eine Woche lang zu Fuß unterwegs, da das restliche Geld nicht mehr für die U-Bahn reichte, sondern nur noch für eine Wassermelone pro Tag, die Kathedrale aller Kathedralen.

Die 68er

1968 war, gerade auch in Paris, ein revolutionär wildes Jahr.

Alles Gedachte stand zur Disposition, zwar nicht so wie der ehemalige Papst dies meint, sondern gerade anders herum.

Denn alles, was damals wichtig war, hatte, man glaubt es heute kaum, immer mit der Kirche zu tun.

Alles, was heute dem 68er-Denken zugeordnet wird, kam aus diesem Bereich.

Zen-Buddhismus, Psychoanalyse, Frankfurter Schule usw.

Aber das ist lange her und nicht mehr der Rede wert.

„The Times They Are a-Changin‘ …“ beschrieb Bob Dylan dies.

Paris

Wir sangen auch die französischen Chansons, Brassens, Antoine, Moustaki, Cohen, Adamo, die ganze Atlantikküste von Quiberon aufwärts bis Brest und St. Malo.

Überall gab es Festivals die Nacht über, manchmal bei den Steinen und tagsüber wurden die Songs am Strand gesungen.

Notre Dame de Paris

Als ich dann in Paris vor diesem unglaublichen Bauwerk stand, gab es nur noch tiefe Würdigung, eine unglaubliche Kraft der beiden Türme und höchste Ehrfurcht vor der unvorstellbaren Dimension dieses riesigen Bauwerkes.

Paris

Alles Aktuelle und Materielle geriet unmittelbar in den Hintergrund vor diesem unverrückbaren, durch nichts zu erschütternden, wie mir schien.

Erst in der Bretagne die Unvorstellbarkeit einer monumentalen Architektur aus dem ca. 5. Jahrtausend vor Chr. mit von Menschenhand aufgerichteten Menhiren, die bis zu 70 Tonnen wogen.

Die kilometerlangen Alignements, die parallel gesetzten Reihen von Menhiren, die Ganggräber, die Steinkreise, und dann in Paris diese für mich wie unantastbar wirkende Kathedrale Notre Dame.

Später, je mehr ich über Musik wusste, wurde sie zu einem der wichtigsten Symbole der Musikentwicklung, dort im 12. Jhd. entstanden in der Kathedrale: Die Notre-Dame-Epoche.

Paris

Und verbunden mit den beiden wohl ersten Namen von Komponisten, in diesem Fall den beiden Cantores, die dort wirkten, Leoninus und Perotinus und damit dem Beginn einer Epoche in der Musik die man die „Unbegleitete Mehrstimmigkeit“ nannte.

Von dort, von Paris, von Notre Dame, ging dies aus, was im 16. Jahrhundert in Venedig enden sollte.

Der Klang der Steine

So stand ich in einem Gebäude, dessen von den Steinen räsonierender Klang der Orgel, des Gesangs mir nie mehr aus dem Kopf ging.

Er hatte sich hier in mir eingenistet.

Paris

Damals wusste ich noch nichts vom Klang der Steine, der mich auf meinem Lebensweg vor über 30 Jahren zu begleiten begann und der immer mit diesen Gebäuden, den Kathedralen und Kreuzgängen zu tun hatte.

Und wie das Leben keine Zufälle kennt, waren wir in den letzten Tagen in der Bretagne, von Nantes aus bei Freunden in Chateaubourg.

Die brennende Kathedrale und die Kraft der Steine

Am letzten Montag, dem 15.08. nach dem Wiederbesuch der Menhire und dem wieder auftauchenden Gefühl für die unfassbare Bedeutung der Materialität Stein öffnete ich das TV und sah die Kathedrale in Paris brennen.

Paris

Das Holz hatte dem Feuer nicht standgehalten, die Steine schon.

Sie stehen noch, sind tangiert, haben Risse, aber sie halten das Gebäude.

Was für eine Kraft und trotzdem, dachte ich sofort, muss man nach ihnen schauen.

Muss sie stützen und sich um sie kümmern.

Als ich hörte, was die Milliardäre der Welt spenden wollten, kam mir doch gleich der Bibelspruch in den Sinn: „Es kommt eher ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Reicher in den Himmel“.

Sicherlich benötigt man Mittel um die Kathedrale wieder aufzubauen, sie zu stützen, die Wunden zu pflegen und zu heilen.

Man braucht aber in erster Linie die großen Wissenden der Architektur, der Materie, des Geistes und der Musik, um sich dieser Aufgabe anzunehmen.

Heilung durch Klänge

Ich werde mich einmischen und mein Wissen um die Klangwelt der Steine hier einbringen, um den Steinen dabei zu helfen, ihre Verletzungen zu bewältigen.

Um wieder ihre Schwingungen zu ermöglichen.

Paris

Die alten Bauhütten der steinernen Gebilde in der ganzen Welt sind gefragt.

Die Meister des Quadriviums, diejenigen, die sich in den wichtigsten Bereichen der Arithmetik, der Geometrie, der Musik, der Astronomie auskennen und die sich mit dem Alten Wissen beschäftigt haben.

Ich würde sehr gerne möglichst bald in der Kathedrale spielen wollen, um zu hören, wie es den Steinen geht und was das brennende Holz und das Löschwasser verursacht haben.

Man muss dort viel Zeit verbringen und nicht wieder ganz schnell alles mit einem sogenannten „Neuen Wissen“ und der üblichen dümmlichen Zahlengläubigkeit veranlassen.

Sorgsamkeit beim Wiederaufbau

Man muss neue „Bauhütten“ gründen und, sorgsam, viel, viel überlegen und nachdenken, was zu tun ist.

Auf keinen Fall sind hier sehr schnell Stahlträger einzubauen, um den Geist der Kirche zu vertreiben.

Den Geist, den dieses Bauwerk seit Jahrhunderten in sich birgt.

Paris

Es hat 182 Jahre gedauert, bis die Kathedrale vollendet war.

Da sind die Vorstellungen der Politik, diese wieder in fünf Jahren neu aufgebaut zu haben, eine grauenvolle Arroganz.

Lassen wir es nicht zu.

Ich werde alles tun, um dort zu spielen.

So schnell wie möglich.

Um zu hören, zuzuhören und hinzuhören, zu lauschen.

Listening, wie die Inder sagen.

… oder wie Hermann Hesse:

Dieser Stein ist Stein, er ist auch Tier, er ist auch Buddha, ich verehre und liebe ihn nicht, weil er einstmals dieses oder jenes war, sondern weil er alles längst und immer ist und gerade dies, dass er Stein ist, dass er mir jetzt als Stein erscheint, gerade deshalb liebe ich ihn, und sehe Wert und Sinn in jeder von seinen Adern und Höhlungen, in dem Gelb, in dem Grau, in der Härte, im Klang, den er von sich gibt, wenn ich ihn beklopfe, in der Trockenheit oder Feuchtigkeit seiner Oberfläche …

Herzliche Grüße
Ihr Klaus Fessmann